Podcast

Gin And Talk

The 48forward Studios

Society & Culture

203 Episoden · neueste 08.10.

Episoden

203
  1. Wolf Biermann über Panik, Musik und verlorene Feinde
    08.10., 15:0300:53:02

    Die Ökonomie des Schreiens In der Bombennacht von Hamburg 1943 war Wolf Biermann sechseinhalb Jahre alt. Im Arbeiterviertel Hammerbrook flogen brennende Dächer „wie Zeitungspapier durch die Luft“, und doch hat sich ihm vor allem ein Detail eingeprägt: „Kein einziges Kind hat geweint.“ Seine Erklärung dafür ist nüchtern. Wer in einem übergroßen Unglück schreie, vergeude Kraft, denn man schreie nur, „wenn man die Chance hat, dass es gehört wird und einem Hilfe zukommt“. Aus dieser Erfahrung hat Biermann eine Haltung gemacht, die er einer nervösen Gegenwart entgegenhält. Dass Jüngere schnell in Panik geraten, überrascht ihn nicht: „Weil es Ihnen nicht schlecht genug geht. Deswegen können Sie sich diese Panik leisten.“ Geprägt hat ihn seine Mutter Emma. Sie hielt den Sohn eines in Auschwitz ermordeten jüdischen Kommunisten am Leben und brachte ihm den Vater jeden Morgen mit einer Süßigkeit im Leiterwagen nahe, angeblich ein Gruß aus dem Zuchthaus. Sie sang ihm Schubert, Arbeiterlieder und plattdeutsche Weisen vor, aus dem Volksempfänger kamen die Nazilieder dazu. „Das war meine Musikuniversität“, sagt Biermann. Die Mutter wollte keinen Dichter, sondern einen Sohn, der die Menschheit rettet. 1953 ging er aus Überzeugung in die DDR und wurde am Berliner Ensemble zum Brechtianer. Zweifel kamen früh, doch er hoffte lange auf einen besseren Sozialismus. Nach der Ausbürgerung 1976 verlor er zunächst die Orientierung. Er habe damals gelernt, „dass es auch schrecklich sein kann, wenn man seine treuen Feinde verliert. Dann ist man auch wie ein politisches Waisenkind.“ Endgültig mit dem Kommunismus brach er erst einige Jahre später, um 1983. Mit dem Etikett der Legende kann er wenig anfangen: „Wer lebendig lebt wie ich, kann keine Legende sein.“ Kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag sieht er den Zusammenhang zwischen Haltung und Laune klarer denn je. „Wenn ich faul und feige bin, werde ich immer missmutiger.“ Wer sich einmische, dem gehe es besser. Im Gespräch in München griff er einen Gedanken auf, der ihm neu war: dass viele Menschen den Konsum von Nachrichten schon für Engagement halten. Er nannte das „das Krebsgeschwür der Nachrichtenflut“ und kündigte an, darüber in Ruhe nachzudenken, sobald der Besuch gegangen sei. Alle Informationen zu ZUR KENNTNIS unter: https://zur-kenntnis.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  2. Gunter Dueck über humanoide Roboter, Abwehrreflexe und Funktionsmenschen
    01.10., 15:5801:25:26

    Warum der humanoide Roboter zur neuen Krone der Schöpfung wird Wenn in China humanoide Roboter über eine Bühne tanzen, reagiert man hierzulande mit Spott: Deutsche Roboter arbeiten, chinesische tanzen Ballett. Prof. Dr. Gunter Dueck, Mathematiker und einst Chief Technology Officer von IBM Deutschland, hält das für einen Denkfehler. Die Industrieroboter von Kuka oder Fanuc sind Greifarme hinter Gittern, denen jeder Handgriff einprogrammiert werden muss. Der Humanoide dagegen bekommt ein Sprachmodell als Gehirn und lernt, indem er zusieht: „Man stellt ihn daneben und sagt: Guck dir den an, der macht da irgendwas. Und nächste Woche machst du das.“ Dass er dafür einen menschlichen Körper braucht, folgt daraus. Unterschätzt werde diese Entwicklung trotzdem, sagt Dueck, und zwar aus einem Reflex, den er seit Jahren an der Autoindustrie beobachtet. Jede neue Technik bekomme in Deutschland ein Abwehrwort, das den genauen Blick ersetzt. Beim Onlinehandel waren Bücher „haptisch“, bei der KI heißt es: „Das halluziniert nur.“ Chinesische Autos „überschwemmen“ den Markt, während Mercedes seine Software für das automatisierte Fahren inzwischen bei Momenta einkauft. „Bei den Robotern passiert jetzt dasselbe.“ Den Einwand, Maschinen nähmen dem Leben das Menschliche, lässt Dueck nicht gelten. „Das größere Problem ist eigentlich, dass wir den menschlichen Anteil wegoptimieren, um mehr Geld zu machen.“ In der Bankfiliale wird zuerst die IBAN abgefragt, der Arzt hat keine Zeit mehr für ein Gespräch und schreibt nach Feierabend Berichte für Polizei und Unfallversicherung. Dueck erzählt von seiner Mutter, die an Alzheimer erkrankt war, und von einer Frau im Nebenzimmer des Heims, die den ganzen Tag um Hilfe rief und vor Verzweiflung Kirchenlieder sang. Ein Roboter für ein paar Tausend Euro, der mit ihr singt und jede Stunde nach ihr sieht, wäre dort ein Gewinn. „Das zeigt, dass ich sogar den Menschen ersetzen kann, weil der Mensch eigentlich nicht mehr da ist.“ Die eigentliche Warnung seines Buches steckt im Begriff des Funktionsmenschen. Im Berufsleben zählt längst nur das Verhalten, das Leadership-Handbücher und Anreizsysteme vorgeben. „Ich muss nicht lieb sein zu dem Bankkunden, sondern er muss mich als lieb wahrnehmen.“ Was sich so vollständig von außen beschreiben lässt, lässt sich programmieren. Wir Menschen erreichen nach Duecks Schätzung zwei Drittel der verlangten Perfektion, der Humanoide wird sie ganz erreichen und damit zur neuen Krone der Schöpfung, über die wir gekränkt sein werden. Ob die KI uns dabei klüger macht, hängt für den ehemaligen Mathematikprofessor davon ab, ob wir uns Lösungen liefern lassen oder mit der Maschine streiten. Nur in einem Punkt räumt er einen Irrtum ein: „Ich habe nicht gedacht, dass das mit der KI so schnell geht.“ Mit Daniel Fürg hat Dueck darüber in der aktuellen Folge von Gin And Talk gesprochen. Sein Buch „Die neue Krone der Schöpfung“ ist gerade erschienen. Alle Informationen zu ZUR KENNTNIS unter: https://zur-kenntnis.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  3. Clara Strehle über Anzüge, Handwerk und mentale Freiheit
    24.09., 15:5900:40:44

    Warum so viele Frauen keinen Anzug finden, der sitzt Der Anzug gilt als das universellste Kleidungsstück: Er passt zu jedem Anlass, und wer ihn trägt, muss sich keine Gedanken über sein Outfit machen. Laut Clara Strehle galt das bisher allerdings nur für Männer. Frauen kennen eine andere Erfahrung, die sie in vier Wörtern zusammenfasst: „Blazer passt, Hose nicht." Die Münchner Unternehmerin, selbst leidenschaftliche Anzugträgerin, hat daraus ein Unternehmen gemacht. In ihrem Studio entstehen in Co-Kreation mit ihren Kundinnen Maßanzüge aus feinsten italienischen Materialien, jeder Knopf persönlich von ihr ausgewählt. Die Mode begleitet sie seit ihrer Kindheit im Familienbetrieb Strenesse, ihren eigenen Weg fand sie bei der Pariser Vogue, in der PR bei Tom Ford und als Merchandiserin bei JW Anderson und Bally. Die Idee für die Maßanzüge entstand während der Pandemie, als Strehle mit Kundinnen deren Kleiderschränke nach Vintage-Schätzen durchforstete. Fast jede fragte irgendwann nach den Anzügen ihrer Mutter, weil ihre alten immer noch passten. Die Antwort fand Strehle im Schnitt. Konfektion wird heute in Masse produziert und folgt einem standardisierten Schnitt, der einer Frau sagt: „So hat dein Körper zu sein." Frauenkörper sind jedoch sehr viel vielfältiger als die der Männer und verändern sich im Laufe des Lebens immer wieder. Strehles Alternative: „Ein Kleidungsstück sollte sich dem Körper der Trägerin anpassen, nicht andersherum." Wie sehr ein schlecht sitzendes Outfit ablenken kann, erfuhr sie von der Mitgründerin einer Filmproduktionsfirma: Vor wichtigen Terminen sei sie zu mindestens 25 Prozent mit ihrer Kleidung beschäftigt, während sich ihr männlicher Mitgründer ganz auf das Ziel konzentriere. Ein Anzug, der wie eine zweite Haut sitzt, schenkt dagegen das, was Strehle „mentale Freiheit" nennt: die Möglichkeit, mit voller Kraft und selbstbewusst in den Tag zu gehen. Deshalb beginnt jeder Anzug bei ihr mit der Frau, die ihn trägt, mit ihrem Alltag und ihren Unsicherheiten. Fast 90 Prozent ihrer Kundinnen kommen wieder, und viele von ihnen sagen am Ende des Termins, sie hätten sich zum ersten Mal seit zehn Jahren verstanden und gehört gefühlt. Alle Informationen zu ZUR KENNTNIS unter: https://zur-kenntnis.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  4. Daniel Fürg über Gespräche, Abschiede und Mut
    22.09., 08:0500:34:57

    Der Gin war nur der Vorwand Es gehört zu den Eigenheiten des Frühjahrs 2020, dass man sich ausgerechnet dann nach einem Tresen sehnte, als alle Tresen des Landes verwaist waren. Daniel Fürg, Ende März von einer langen Reise durch die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, besaß allerdings einen, den keine Verordnung erfasste: den im eigenen Studio. An ihm begann im Mai ein Gesprächsformat, das den Gin im Namen trägt – und dessen erster Gast das Thema umgehend abräumte. Der Münchner Barmann Stefan Gabányi hielt vom Hype um den Wacholderschnaps erkennbar wenig: „Man muss jetzt nicht jeden Quatsch mitmachen“, sagte er, und dass jemand für einen halben Liter „Neutralsprit mit Aroma“ vierzig Euro nehme, sei „saufrech“. Damit war die Pointe gesetzt. Knapp zweihundert Gespräche später lässt sich festhalten: Der Gin stand immer auf dem Tresen, gesprochen wurde über alles andere. Dass Fürg nun, unmittelbar vor der zweihundertsten Folge, allein am Mikrofon sitzt und zurückhört, ist die Besichtigung einer Form, die aus der Zeit gefallen scheint und gerade deshalb gebraucht wird: eine Stunde, zwei Menschen, keine Eile. Die Journalistin Natalie Amiri beschreibt das Gegenmodell – eine Minute dreißig in der „Tagesschau“, in der für das Eigentliche kein Platz bleibe: „Aber dafür ist keine Zeit.“ Pfarrer Rainer Maria Schießler lässt Gott die zerstrittenen Religionen fragen: „Wieso habt ihr nicht miteinander gesprochen? Ihr hattet doch so viel Zeit.“ Wer sie sich nimmt, hört, wie es am Tresen still wird. Charlotte Knobloch erzählt von dem Tag, an dem sie in München den Grundstein für eine neue Synagoge legte: „Jetzt habe ich meine Koffer ausgepackt.“ Eva Umlauf, als Kleinkind nach Auschwitz deportiert, hat auf die Frage nach ihrem Überleben keine Antwort, aber eine Entscheidung: „Ich suche mir das Glück aus.“ Und Lars Amend sitzt wochenlang am Sterbebett seiner Mutter, bittet um ein Gespräch und erhält zwei Worte: „Alles gut.“ Erst eine Krankenschwester berichtet ihm, worauf die Mutter am Ende bestand – auf dem T-Shirt, das er ihr einmal mitgebracht hatte, bedruckt mit dem Wort „dankbar“. „Das war ihre Art zu sagen: Ich liebe dich.“ Heiterkeit auf Bestellung folgt daraus nicht. Wolfgang Thierse, dem die DDR den verordneten Optimismus gründlich ausgetrieben hat, hält sich an Václav Havel: Hoffnung heiße nicht, dass eine Sache gut ausgeht, sondern dass sie in sich vernünftig und richtig ist. Ein Mal allerdings spielt der Gin dann doch die Hauptrolle. Marcel Reif steht bei einem Sundowner in der südafrikanischen Savanne, vor sich Giraffen und Zebras, in der Hand ein Gin Tonic, und ihm kommen die Tränen: Wer um Himmels willen seien wir eigentlich, „die Menschlein, die da rumstehen mit ihrem Sundowner“? Es ist die Frage, um die diese Gespräche seit sechs Jahren kreisen, und vielleicht braucht es zu ihrer Verhandlung tatsächlich einen Tresen – einen Ort, an dem zwei Menschen nichts weiter vorhaben, als Zeit zu haben. Marianne Koch, beim Gespräch 93 Jahre alt, rät den Jüngeren schlicht: „mutig sein“. Der Gin war dabei nie das Thema. Er war der Vorwand. Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  5. Patty McCord über Ehrlichkeit, Freiheit und Angst
    18.09., 19:3300:33:54

    Ein bisschen Angst Den Performance Improvement Plan, mit dem amerikanische Firmen schwächelnde Mitarbeiter drei Monate lang zu wöchentlichen Defizitgesprächen bitten, nennt Patty McCord auf dem Nordic Business Forum in Helsinki „den grausamsten Prozess, den wir uns je ausgedacht haben". Das Ergebnis stehe meist vorher fest, und das ganze Büro schaue zu: „Es ist die beste Show im Haus." McCord, von 1998 bis 2012 Personalchefin von Netflix und Mitautorin des berühmten Kulturpapiers, zieht den offenen Satz vor: Wir brauchen dich nicht mehr. Das tue weh, aber weniger als das Warten aufs Scheitern. Radikale Ehrlichkeit sei, richtig gemacht, eine Form von Empathie, die viele bloß mit Nettigkeit verwechselten: „Ich bin nett, ich höre zu, ich nicke." Bei Netflix war Widerspruch Pflicht. Als Todsünde galt, bei einer Sache mitzumachen, die man für falsch hält, und hinterher zu erklären, man habe es gewusst, es habe nur keiner gefragt. „Dafür hätte ich dich auf dem Parkplatz überfahren." Freiheit versteht McCord dabei nüchtern. Wie viel davon ein Unternehmen verträgt, hänge vom Produkt ab und vom Können des Managements; ein Hersteller von Medizintechnik habe sich an Regeln zu halten. Gemeint ist vor allem, Informationen zu teilen. Freitags bekam die Belegschaft auf dem Parkplatz die Zahlen der Geschäftsführung ausgehändigt und lernte, eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung zu lesen, auch in den Jahren, in denen darin stand, dass die Firma kein Geld hatte. Dass sich dieses Modell schlecht exportieren lässt, erfuhr sie als Beraterin. In einer australischen Bank zählte ein Vorstandsmitglied 27 Genehmigungsstufen, die eine neue App zu durchlaufen hätte, zehn davon im Finanzressort. Den eigentlichen Widerstand sieht McCord in der „fetten Mitte" der Konzerne, die jede Transformation beklatscht und ihren Teams rät, sie auszusitzen. Den Vorwurf, Netflix habe eine Kultur der Angst gepflegt, lässt sie nur halb gelten: Wer um seine Stelle fürchten muss, sobald er etwas Neues versucht, sei an einem furchtbaren Ort, ein wenig Furcht vor dem Neuen gehöre hingegen dazu. Wie man im Zeitalter der KI die richtigen Leute findet? „Ich weiß es nicht." Sie kenne nur die falschen, nämlich jene, die behaupten, sie hätten das im Griff. Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  6. Florian Illies über Alchemie, Träume und das Vergessen
    03.09., 16:2001:00:51

    Der Mann, der Gold versprach und Glas erschuf Auf der Pfaueninsel steht ein Gedenkstein, an dem die meisten Besucher achtlos vorbeigehen. Johannes Kunckel heißt der Mann, an den er erinnert: ein Alchemist, der dem Großen Kurfürsten Gold versprach und dafür 1685 eine ganze Insel geschenkt bekam. Gold hat er nie gemacht. Stattdessen entstieg seinen Öfen ein Glas, rot wie ein Rubin, das binnen kurzem zum begehrtesten Luxusgut Europas wurde. Dabei war Kunckel alles andere als der versponnene Magier, als der er sich inszenierte. "Ich glaube, er hat den Alchemisten ein wenig gespielt, um die Fürsten zu überzeugen", sagt Florian Illies, der ihm sein neues Buch "Träume aus Feuer" gewidmet hat. "Er selbst begriff sich ganz offensichtlich längst als Naturwissenschaftler." Zugleich war er Unternehmer durch und durch, baute auf der Insel aus dem Nichts eine Manufaktur auf und lieferte am Ende, auf verschlungenem Weg, sogar das versprochene Gold: Sein Rubinglas wurde an den Höfen Europas verkauft und in Afrika gegen Gold getauscht. Man kann diese Geschichte als frühneuzeitliche Startup-Erzählung lesen, doch an einer entscheidenden Stelle bricht die Analogie zur Gegenwart. "Ich weiß nicht, ob die Venture-Capital-Fonds sich in einer Rolle als Gönner begreifen", sagt Illies. "Sie würden auch nicht, wie es der Kurfürst getan hat, einem kleinen Startup eine Insel schenken." Der Gönner alten Typs finanzierte keinen Business Case, er finanzierte einen Traum. Und wie es Träumen oft ergeht: Nach dem Tod des Kurfürsten wurde Kunckel zum Bauernopfer eines höfischen Machtwechsels, man ruinierte ihn und brannte nieder, was er aufgebaut hatte. Hundert Jahre später kannte ihn niemand mehr. Genau darin liegt für Illies der Reiz. Nicht Neugierde treibe ihn an, sondern "Altgierde": die Lust, Vergessenes aus der Vergangenheit zu holen. Der Wiederentdecker, sagt er, müsse eine irre Energie mitbringen, und diese Energie sei ansteckend. Dass die Digitalisierung das Vergessen womöglich abschafft, beunruhigt ihn dabei nicht, denn die Entscheidung, welche Geschichte aus der Datenfülle ein Buch wird, bleibe eine menschliche: "Aus diesem Erfahrungsreichtum, der im eigenen Körper sitzt, wird immer noch etwas anderes kommen als aus einem gekühlten Rechenzentrum." Ob unsere Gegenwart, in der jede Idee dreimal geprüft wird, bevor jemand sie ausprobieren darf, noch Raum für Figuren wie Kunckel lässt? Illies antwortet darauf mit einer Gelassenheit, die er selbst urromantisch nennt: "Immer gibt es Zeit zum Träumen. Auch jetzt gibt es ganz viel Zeit zum Träumen." Wem heute etwas einfalle, das Kinder zum Träumen bringe oder Menschen Sicherheit verheiße, der werde auch heute Geld dafür finden. Man muss nur, wie damals auf der Pfaueninsel, bereit sein, das Scheitern gleich mitzudenken. Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  7. Wolfgang Fierek über Amerika, Motorräder und das Weitermachen
    27.08., 17:1500:56:52

    Ein Leben auf der Harley zwischen Bayern und Arizona Wolfgang Fiereks Amerika beginnt in Neubiberg bei München, wo sein Vater, ein Vertriebener aus Schlesien, in der Kantine der Air Force Base kochte. Sonntags gab es dort Hamburger und Orangensaft aus der Dose, dazu den Anblick einer Harley, die der Vater einem heimkehrenden G.I. abkaufen wollte, bis die Mutter ihr Veto einlegte. Was blieb, war der Geruch des zähflüssigen Motoröls, das „wie bei einer hübschen Frau ein Parfum" in der Luft hing. Der Rest ist eine Kette von Zufällen: ein falscher Kinosaal, in dem statt der geplanten Vorstellung „Easy Rider" lief; ein Führerschein, in einer Woche erworben für eine Fernsehrolle, die nie gedreht wurde; und 1979 im Death Valley ein Vietnam-Veteran auf einem Chopper, der dem gestrandeten Bayern im Mietwagen zurief: „Das nächste Mal, wenn du durch Amerika fährst, dann fährst du auf einer Harley – und nicht in so einer Scheißkiste." Fierek hat sich daran gehalten. Seit 1994 besitzt er ein Haus in Arizona, nun hat er seine amerikanischen Jahrzehnte unter dem Titel „Born to be Fierek" aufgeschrieben. Wer das Buch als Motorrad-Memoiren liest, verpasst das Eigentliche. Fierek erzählt von einem Land, dessen vielbelächelter Optimismus für ihn ein Erbstück der Besiedlungsgeschichte ist: Wer verstehen wolle, „warum Amerika so tickt", müsse nur einmal von Florida nach Kalifornien fahren und sich vergegenwärtigen, dass dieselbe Strecke einst Monate im Planwagen dauerte. In Mississippi sah er eine verlassene Ranch, deren Besitzer erst nach dem dritten Tornado aufgegeben hatte. „Wenn du nie gefordert wirst, kannst du keine Stärke haben", sagt Fierek, der nach eigener Auskunft seit 1979 „nicht eine negative Begegnung" in den USA erlebt hat. Wie ernst er die amerikanische Lektion vom Weitermachen nimmt, zeigte sich 2003, als die Ärzte ihm nach einem schweren Motorradunfall das Bein amputieren wollten. Seine Frau Djamila verhinderte es mit einer Ansage, die selbst den Chirurgen beeindruckte, und gegen die Zukunftsangst halfen die Sonne Arizonas, ein Medizinmann aus Tombstone und ein texanischer Freund, der nicht fragte, ob er sich das Fahren wieder zutraue, sondern schlicht: „Morgen fahren wir nach Silver City, kommst du mit?" Zum Autor wurde Fierek durch ein Zitat, das ihm zugetragen wurde und von einem indigenen Häuptling stammen soll: Jeder ältere Mensch sei eine wandelnde Bibliothek. Seine ist nun aufgeschlagen, mit Tourenvorschlägen im Anhang für alle, die es ihm nachmachen wollen. Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  8. Jens Corssen über das Gehirn, die Liebe und den Frieden
    20.08., 16:5401:33:06

    Vom Kampfmodus zur Verbundenheit Noch nie wusste eine Gesellschaft so viel über Achtsamkeit, Kommunikation und Liebe, und selten schien dieses Wissen so wenig zu bewirken. Der Münchner Verhaltenstherapeut Jens Corssen, seit Jahrzehnten einer der bekanntesten Coaches Deutschlands, erklärt das mit einer schlichten Asymmetrie: Unsere Erkenntnisse sind ein paar Jahrhunderte alt, die Mechanik unseres Gehirns hunderttausende Jahre. Auf Bedrohung kennt es drei Antworten – kämpfen, fliehen, erstarren – und im Stress übernimmt es die Regie. „Wenn das Gehirn mich Gassi führt", sagt Corssen, „dann ist all das, was wir wissen über Platon und Buddha und Schopenhauer und Nietzsche, weg." So kommt es, dass der Professor, der ein Buch über Humanismus geschrieben hat, abends seine Kinder anschreit. Corssen fasst das Dilemma in einem Satz zusammen, der auch ihn selbst meint: „Was du kannst, das lebst du. Und was du nicht kannst, unterrichtest du gerne." Sein Gegenmittel ist unspektakulär: Bewusstheit im Augenblick statt weiterer Lektüre. Corssen beobachtet den automatischen Kommentator in seinem Kopf, den er den „Quatschi" nennt – jene Stimme, die einem Bettler sofort Betrug unterstellt und im umgekippten E-Roller den Verfall der Sitten erkennt. Wer sie beim Urteilen ertappt, kann umkehren, den Mann grüßen, den Roller aufheben. Dieselbe Mechanik entlarvt für ihn auch das Verlieben: Das Gehirn rechnet in Sekunden hoch, mit wem sich gut überleben ließe, und nennt das Ergebnis Liebe. Echte Liebe beginnt für Corssen erst eine Stufe darüber, dort, wo „Ich liebe dich" nicht mehr heimlich „Ich brauche dich" bedeutet. Seiner Frau, mit der er seit rund fünfzig Jahren verheiratet ist, sagt er genau das – ich brauche dich nicht, aber ich liebe dich – und begründet es kühl: Wer gebraucht wird, bleibt ersetzbar. Das meiste Beziehungsleid entsteht ohnehin aus einem einzigen Buchstaben, dem M in „meine Frau", denn mit dem Besitzanspruch kommen das Bildnis, der Vergleich und der Ärger. Am Ende läuft Corssens Denken auf eine Haltung hinaus, für die er ein eigenes Wort erfunden hat: Infriedenheit. Während Zufriedenheit noch auf ein Ziel zustrebt, meint Infriedenheit das Einverständnis mit dem Leben samt seiner Endlichkeit, Goethes „Stirb und werde". Wer so weit ist, hadert weder mit dem Partner noch mit dem Tod – und muss über die Liebe nicht mehr lesen, weil er sie lebt. Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  9. Pablo Hagemeyer über Abgründe, Diagnosen und ein erschöpftes Land
    16.07., 18:1100:54:50

    Das entpriorisierte Land Mehr als etwa sieben Informationseinheiten pro Zeiteinheit, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Pablo Hagemeyer, könne das menschliche Gehirn nicht verarbeiten. Was darüber hinausgeht, stresst – und eine Gesellschaft im Daueralarm diskutiert nicht mehr, sie verteidigt sich. Hagemeyer, der gerade mit „Der Patient, der mit der Stille sprach" Fallgeschichten aus dem Behandlungszimmer vorgelegt hat, nennt den Zustand Entpriorisierung: „Das Denken wird entpriorisiert. Es wird breit und dünn ausgestrichen und alles ist gleich wichtig." Wo Orientierung fehlt, entstehen Märkte – links eine „Betroffenheitsökonomie" der reflexhaften Empörung, rechts eine „Verachtungsökonomie", die Demokratie und Geschichte verächtlich macht, dafür aber klare Strukturen bietet: „Endlich weiß jemand, wie es geht." Im vieldiskutierten Höcke-Interview erkennt Hagemeyer – ausdrücklich keine Diagnose, sondern die Beobachtung „subklinischer" Züge – emotionale Kälte, flache Affekte und eine schmale Spur hinter der rhetorischen Fassade. Brisant wird die Zeitdiagnose durch ihre gesundheitspolitische Pointe: Ausgerechnet jetzt, da Entstigmatisierung greift und die Fallzahlen steigen, plant die Politik Einschnitte in die psychotherapeutische Versorgung. Hagemeyer spricht von den „feuchten Träumen eines CEOs" – und rechnet nüchtern vor: Fällt der Schutz der extrabudgetären Vergütung, verschwinden Kurzzeitinterventionen ersatzlos, und der Satz von 103 Euro für fünfzig Minuten könnte auf ein Niveau sinken, von dem niemand mehr leben kann. Im schlechtesten Szenario verliert das System ein Viertel seiner Leistungskraft, während die prekär organisierte Ausbildung den Nachwuchs abschreckt. Psychotherapie auf gutem Niveau gäbe es dann noch in den Speckgürteln von München, Hamburg und Frankfurt – der Rest bliebe mit Etiketten allein, von denen Hagemeyer ohnehin wenig hält: „Eine Diagnose gibt es nur für die Krankenkasse." Seine Antwort darauf ist überraschend unzynisch: nicht das Niedergangsnarrativ bedienen, das die Ränder dankbar aufgreifen, sondern umfokussieren – auf die „selbstbehauptende Seite, die Nein sagen kann", zu den Verführern wie zum eigenen Erschöpfungsfatalismus. AfD-Wähler seien keine Protestwähler, sondern Überzeugte, denen jemand ein Märchen von Gemeinschaft und Hoffnung erzähle: „Ihr seid alle mit Alice im Zauberland." Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  10. Alin Coen über ADHS, Musik und Zärtlichkeit
    09.07., 19:1300:45:13

    Die Zärtlichkeit als Gegenprogramm Es gibt Sätze, die man viel zu selten sagt. „Du bedeutest mir die Welt" ist so einer – zu groß, zu pathetisch, zu verletzlich für den Alltag. Alin Coen hat ihn zum Titel ihres neuen Albums gemacht, gemeint als Wiedergutmachung nach einem Konflikt: „Ich will nur, dass du weißt, dass du mir wichtig bist. Auch wenn ich mich in manchen Situationen nicht so super verhalte." Eigentlich wollte die Songwriterin ein tanzbares Album schreiben, doch beim Arbeiten stellte sie fest, dass ihr Impuls ein anderer war – „eigentlich was Zärtliches und Liebevolles", ein Gegengewicht zu Cybermobbing und der „harschen Sprache miteinander". Dass ihre Lieder aussprechen, was im Gespräch kaum über die Lippen käme, erklärt sie mit der Musik selbst: „Vielleicht entsteht da so eine Art Gefühls-Safe-Space in dem Moment, wo ich in dieser Musik so drin bin." Was dann herauskommt, überrascht sie mitunter selbst – als beim Song „Immer noch da" die Zeile „Ich habe das Ende meiner Einsamkeit gefunden" auftauchte, musste sie erst einmal weinen. Dass Coen über Achtsamkeit auch im ganz persönlichen Sinne spricht, hat mit einer späten Erkenntnis zu tun. 2020 fragte eine Kinderneurologin sie beiläufig, ob sie über sie in einem ADHS-Magazin schreiben dürfe – auf ihrem damaligen Album sei ja „jedes Lied ein ADHS-Lied". Coen hielt das für ein Missverständnis, bis YouTube-Videos des Kanals „How to ADHD" ihr die Augen öffneten: „Ich habe Rotz und Wasser geheult", erinnert sie sich – endlich gab es eine Erklärung für das jahrelange Gefühl, „irgendwie komisch" zu sein. Dass die Diagnose so spät kam, bedauert sie kaum; in ihrer Schulzeit sei die Stigmatisierung groß gewesen. Ihre Grundschullehrerin prophezeite, sie werde am Gymnasium „kläglich scheitern" – Coen schaffte es trotzdem, ausgerechnet auf einem Musikgymnasium. Das Schulsystem nennt sie heute ein „total defizitorientiertes System", das mit den Talenten der Kinder noch nicht individuell genug umgehen könne. Ihr Gegenentwurf ist so einfach wie ungewohnt: der trainierte Muskel des Komplimentemachens, wie ihn etwa die „warme Dusche" in Grundschulklassen übt, bei der ein Kind von allen gesagt bekommt, was sie an ihm mögen. Wer verstehen will, wie aus Langeweile in einem schwedischen Kellerzimmer eine Songwriterin wurde, warum zwischen Coens Alben oft Jahre liegen – und weshalb das nächste in nur zwei Jahren erscheinen und tanzbar werden soll –, dem sei dieses ausführliche Gespräch empfohlen. Darin spricht sie über die Entstehung von „Du bedeutest mir die Welt", ihren Umgang mit der ADHS-Diagnose und die Frage, warum wir einander öfter sagen sollten, was wir aneinander schätzen. Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  11. David Matei über Sicherheit, Freiheit und Verantwortung
    02.07., 15:4001:07:52

    Wofür noch? Freiheit ist ein großes Wort – vielleicht gerade deshalb fällt es vielen schwer, seinen Wert wirklich zu begreifen. Wer nie ohne Freiheit gelebt hat, hält sie leicht für selbstverständlich. Für David Matei ist das anders. Sein Vater floh als junger Mann aus dem kommunistischen Rumänien über die Donau in den Westen und riskierte dafür sein Leben. „Ich habe nicht verstanden, was Freiheit ist“, sagt Matei. „Aber ich habe den Wert verstanden, den mein Papa dieser Freiheit zugemessen hat.“ Diese Geschichte bildet den Ausgangspunkt seines neuen Buches "Deutschland ist es wert". Es ist kein Buch über die Bundeswehr, obwohl Matei 15 Jahre als Offizier diente. Vielmehr ist es ein Plädoyer dafür, den Blick auf Deutschland nicht nur von seinen Defiziten bestimmen zu lassen. Deutschland, so seine Beobachtung, sei hervorragend darin, Fehler zu finden. Was häufig fehle, sei die Fähigkeit, das Gelungene wertzuschätzen – nicht aus Naivität, sondern als Voraussetzung dafür, Verantwortung für das eigene Gemeinwesen zu übernehmen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich das Verhältnis vieler Menschen zur Bundeswehr verändert. Aus dem jahrzehntelangen „freundlichen Desinteresse“ sei eine „interessierte Freundlichkeit“ geworden, sagt Matei. Gleichzeitig bleibe der Widerspruch bestehen, dass viele zwar eine verteidigungsfähige Bundeswehr befürworten, sich selbst aber kaum vorstellen können, einen Beitrag dazu zu leisten. Für Matei beginnt Verteidigungsbereitschaft deshalb nicht bei Waffen oder Wehrpflicht, sondern bei der Frage, ob Menschen überhaupt noch eine emotionale Beziehung zu ihrem Land haben. Gerade Deutschland tue sich damit schwer. Während Lokalpatriotismus selbstverständlich erscheine, lösten Begriffe wie Stolz oder Patriotismus häufig Unbehagen aus. Matei selbst spricht lieber von Dankbarkeit als von Stolz – und von der Verantwortung, Demokratie nicht als Selbstverständlichkeit oder bloßen „Lieferservice“ zu betrachten, sondern als etwas, das vom Engagement seiner Bürger lebt. Auch der Blick auf neue Technologien, künstliche Intelligenz und autonome Waffensysteme zeigt für Matei vor allem eines: Sicherheitspolitik wird komplexer, nicht einfacher. Die entscheidenden Fragen seien längst nicht mehr nur technischer Natur, sondern ethischer. Wie viel Verantwortung darf an Maschinen übertragen werden? Wie verteidigt sich eine Demokratie gegen autoritäre Staaten, ohne ihre eigenen Werte aufzugeben? Eindeutige Antworten gebe es darauf nicht. Klar sei für ihn nur, dass Frieden allein kein politisches Programm sei. „Sicherheit ist nicht alles, aber alles ist irgendwie nichts ohne Sicherheit“, sagt Matei. Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  12. Fury in the Slaughterhouse über Empathie, Zusammenhalt und Musik
    26.06., 19:0700:48:02

    Die Rückkehr des Wir Es gibt kaum eine Zeit, in der sich Gesellschaften so intensiv mit dem Begriff Veränderung beschäftigen wie heute. Kriege, Klimakrise, soziale Medien, politische Polarisierung und ein wachsender Rückzug ins Private prägen den Alltag vieler Menschen. Vor diesem Hintergrund bekommt auch der Titel des neuen Albums von Fury in the Slaughterhouse eine größere Bedeutung: "Changes" beschreibt nicht nur persönliche oder musikalische Entwicklungen, sondern wirft die Frage auf, wie eine Gesellschaft zusammenbleibt, wenn das Gemeinsame zunehmend hinter individuellen Interessen verschwindet. Für Kai Wingenfelder liegt genau darin die eigentliche Herausforderung unserer Zeit. „Wir werden nichts an dieser Welt verändern, wenn wir nicht anfangen, diesen Ich-Modus in einen Wir-Modus umzuschalten“, sagt der Sänger. Sein Bandkollege Christof Stein-Schneider ergänzt, dass Glück nicht durch Konsum oder Status entstehe, sondern dann, wenn Menschen füreinander da seien. Gemeinschaft, Empathie und Solidarität seien keine romantischen Ideen, sondern grundlegende Voraussetzungen für ein funktionierendes Zusammenleben. Dass Fury in the Slaughterhouse diese Haltung glaubwürdig vertreten, hat auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Nach der Trennung der Band im Jahr 2008 fanden die Musiker erst Jahre später wieder zusammen – mit größerer Gelassenheit, mehr gegenseitigem Verständnis und der Erkenntnis, dass das Gemeinsame wertvoller ist als individuelle Eitelkeiten. Heute verstehen sie ihre Musik nicht als Flucht vor der Wirklichkeit, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. Deshalb greifen ihre Songs Themen auf, die Menschen beschäftigen und bewegen. Bildung, Demokratie, soziale Verantwortung und der Umgang miteinander ziehen sich ebenso durch das Gespräch wie die Sorge über Vereinsamung, die Folgen sozialer Medien und den schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gleichzeitig bleibt der Ton optimistisch: Veränderungen beginnen nicht bei großen politischen Programmen, sondern im Alltag – mit Aufmerksamkeit, Freundlichkeit und der Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Am Tag vor der Veröffentlichung von Changes sprachen Kai Wingenfelder und Christof Stein-Schneider im Podcast Gin And Talk über fast vier Jahrzehnte Bandgeschichte, über ihre Rückkehr als Band und über die Frage, warum Konzerte heute mehr sein können als musikalische Veranstaltungen. Sie seien Orte, an denen Menschen für ein paar Stunden erleben, wie sich Gemeinschaft anfühlt – unabhängig von Alter, Herkunft oder politischen Debatten. Vielleicht liegt genau darin die bleibende Kraft von Musik: Sie löst keine gesellschaftlichen Probleme, erinnert aber daran, dass aus vielen Einzelnen immer noch ein Wir werden kann. Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  13. Alex Recknagel über Gastronomie, Mut und das neue München
    12.06., 17:1300:45:17

    Die Stadt, die sich das Ausgehen leisten können muss Wer verstehen will, was sich in Münchens Gastronomie verändert hat, sollte einen Abend an einem halbrunden Tresen verbringen. In der Ory Bar im Mandarin Oriental, vom Fachmagazin Mixology gerade zur besten Hotelbar im deutschsprachigen Raum gekürt, sitzen Hotelgäste neben Münchner Stammpublikum – in einem Lokal, das vor wenigen Jahren noch zu jenen Hotelbars gehörte, in die sich kaum ein Einheimischer verirrte. Dass es so gekommen ist, hat mit Alex Recknagel und seinen Partnern zu tun, deren Projekte – das Herzog, die Frau im Mond auf dem Deutschen Museum, die Bambi-Bar – eine Landkarte des neuen Münchner Ausgehens bilden. Sein Antrieb ist seit jeher derselbe: „Ich denke mir was aus, ich setze es ein und schaue dabei zu, wie es funktioniert oder auch eben nicht." Bei der Ory Bar hieß das: Hemmschwellen abbauen, den Gin Tonic demonstrativ bei zehn Euro ansetzen und Vertrauen aufbauen. Denn, so Recknagel: „Eine Bar ist einfach viel mehr als nur Drinks." So kreativ die Szene ist, so eng ist ihr Korsett. Verglichen mit Berlin, wo ständig mutige Projekte eröffnen, hat München ein strukturelles Problem: „Wir sind im Mietfall einfach zu teuer", sagt Recknagel. „Du hast hier Mieten, da wird dir schwindlig." Wie hart das Geschäft sein kann, erlebte er bei seinem ersten großen Projekt selbst: Ein Asbestfund verzögerte den Bau des Herzog um anderthalb Jahre, die Kosten verdreifachten sich – „ein Tal der Tränen". Der Mietendruck trifft auch das Personal, weshalb seine Betreibergruppe inzwischen selbst Wohnungen anmietet und an Mitarbeiter weitergibt: Arbeitsvertrag, Mietvertrag. Und doch tut sich etwas in der Stadt: Eine neue Generation von Gastronomen bespielt Räume abseits der Prime-Lagen – ehemalige Eckkneipen, alte Metzgereien, ausgediente Badehäuser – und beweist, dass gutes Ausgehen in München nicht zwingend Hochglanz braucht. Recknagel selbst träumt derweil von einem bewusst unglamourösen Projekt: „Ich will einen Kiosk machen." Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  14. Jan Becker über Hypnose, Gedanken und Aufmerksamkeit
    06.06., 09:0801:03:39

    Die sanfte Gewalt der Aufmerksamkeit Man spüre einmal kurz in die eigenen Füße hinein – und schon ist da ein Gefühl, das eben noch unbemerkt am Rand des Bewusstseins lag. Genau hier sitzt das, was Jan Becker umtreibt. Hypnose, sagt der Hypnotiseur und Autor, sei nichts Geheimnisvolles, sondern „Aufmerksamkeit und Fokus" – verändere man diese, verändere sich die Wahrnehmung und mit ihr das Modell, das wir uns von der Realität machen. Das meiste davon sei ohnehin subjektiv, Tag für Tag neu zusammengesetzt. Die Frage, ob jemand hypnotisierbar sei, stelle sich daher gar nicht: „Es gibt nur die Frage, erkenne ich, dass ich gerade meine eigene Realität gestalte." Die Hirnforschung liefert dem alten Bühnenhandwerk eine nüchterne Begründung: Das Gehirn arbeitet im Vorhersagemodus und glaubt sich, entwaffnend naiv, jede eigene Prognose. Die Kunst besteht darin, ihm einen anderen Impuls unterzuschieben. Becker arbeitet mit Bildern – die Unlust auf Sport, schwer wie eine Bowlingkugel auf der Brust, wird zum leichten Tischtennisball. Der eigentliche Hebel aber liegt in der Identität: Wer vom „Genießer" zum „Sportler" wird, handelt ohne Nachdenken. Vor dem Optimierungskult aber warnt ausgerechnet er: Die ideale Version seiner selbst abzuarbeiten, sei „unfassbar anstrengend"; wer allen Rausch tilge, riskiere, dass am Ende „das Sein tatsächlich weg" sei. Diese Gelassenheit hat eine Geschichte – ein Burnout, der Tod eines Freundes mit Mitte fünfzig. Was bleibt, ist eine schmucklose Formel: „so lange wie möglich, so gut wie möglich". Wozu dann die Tricks, mit denen er auf seiner Tour „Hypnotize the World" durch Deutschland zieht? Wer staunt, sagt Becker, werde ganz in die Gegenwart gezogen, eine „Mini-Erleuchtung", nach der das Gehirn sein Bild der Welt neu justiere. Im Gespräch, das diesem Text zugrunde liegt, verschob er die Aufmerksamkeit am Ende ein letztes Mal: hin zum „Hier", zu dem großen runden Ball, der frei im Nichts schwebe. Sich dieses Wunders bewusst zu werden, könne mehr verändern als jeder Trick. Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  15. Ben Bernschneider über Stil, Haltung und Begeisterung
    28.05., 16:0401:03:02

    Der stille Mann und seine hundert Dinge Wer im Jahr 2026 ein Buch über die Wunschliste des modernen Gentleman vorlegt, riskiert mindestens drei Vorwürfe gleichzeitig: Rollenfolklore, Konsum, Eitelkeit. Drei Wörter, die in der deutschsprachigen Debatte zuverlässig funktionieren, weil sie das Gespräch beenden, bevor es beginnt. Ben Bernschneider, Hamburger Stilautor mit einer halben Million Followern, macht es seinen Kritikern leicht: "100 Staple Pieces" versammelt hundert Kapitel über Kleidungsstücke, Accessoires und kleine Begleiter eines Lebens, vom Trenchcoat bis zum Flachmann. Liest man hinein, fällt allerdings auf, wie wenig der Autor an seinen Gegenständen interessiert ist und wie sehr an dem, was Menschen mit ihnen tun. Der Trenchcoat, mit dem alles begann – damals, im Dispo, monatelang abgespart wie für ein erstes Auto –, ist nicht das Objekt einer Begierde. Er ist der Anfang einer Übung. Wer lange genug gewartet hat, bis er sich etwas leisten kann, behandelt es anders. Was den Verfasser dieser hundert Stücke vom üblichen Influencer-Inventar unterscheidet, ist eine fast altmodische Kategorie: Rücksicht. Schnelle Autos und teure Uhren findet Bernschneider, der einen Schnurrbart trägt, der wie ein Argument für sich selbst aussieht, "scheiße". Den Anzug als Pose verachtet er. Es seien, sagt er, "neunzig Prozent Einstellung", die einen Stil ergäben, neunzig Prozent "Rücksichtnahme, Respekt voreinander, einfach mal der stille Mann zu sein, anstatt mit einem riesigen Logo auf deinem T-Shirt in der Gegend rumzubrüllen". Auf die Frage, ob mehr Männer Anzüge tragen sollten, antwortet er knapp: "Um Himmels willen. Nein." Es gehe einzig darum, dass jemand sich "überhaupt mal die Chance gibt, sich wohlzufühlen". Notfalls in einem Hoodie. Stil, in dieser Lesart, ist kein Distinktionsmerkmal, sondern eine Form der Aufmerksamkeit – und die eigentliche heimliche Pointe des Buches ist, dass eine ganze Branche der Männerratgeber davon lebt, ihrem Publikum als Sensation zu verkaufen, was früher die Erziehung erledigte. Wer die hundert Stücke gelesen hat, hat nicht hundert Kaufempfehlungen aufgenommen, sondern eine kleine Pädagogik der Begeisterungsfähigkeit. "Alles, was aus Pflichtbewusstsein beginnt, stirbt", sagt der Autor. Eltern, die ihren Kindern jede Neugier vergällten, weil "alles Fremde erst einmal scheiße" sei, hält er für die größere Gefahr als jeden Fast-Fashion-Konzern. Wer wenige Dinge besitze, "die aber alle so schön sind, dass dein Herz höher schlägt", werde "nie wieder unglücklich sein mit dem, was er trägt". Eine gewagte Behauptung. Sie hat aber, in einer Saison, in der die Schränke voller sind als die Köpfe, etwas Tröstliches. Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  16. Timothy Paul über Liebe, Trauer und Vergänglichkeit
    21.05., 16:0600:49:14

    Die Möglichkeit eines Seins Es gibt Beziehungen, die enden, bevor sie richtig begonnen haben – nicht, weil die Gefühle fehlten, sondern weil die Zeit fehlte. Gerade sie hinterlassen mitunter die tiefsten Spuren, weil man nicht nur um das trauert, was war, sondern um alles, was hätte werden können. In „Eine Liebe ohne Sommer", dem Debütroman des langjährigen Lektors Timothy Paul, erlebt die Protagonistin Rosa, Mitte dreißig, genau das: eine kurze, intensive Liebe zu Nikolas, der stirbt, als beide gerade zueinander gefunden haben. Der Roman beginnt, wo andere enden – Rosa räumt mit der Mutter des Toten dessen Wohnung aus – und erzählt auf zwei Zeitebenen vom Kennenlernen und vom Danach. Vom Glück der Begegnung und von der Frage, ob man mit Mitte dreißig die große Liebe bereits gehabt haben kann. Paul verhandelt dabei weit mehr als eine Liebesgeschichte. Er schreibt über eine Gesellschaft, die er mit einem treffenden Wort als „julia-robertisiert" beschreibt: durchdrungen von der Erwartung, das eigene Leben möge einer romantischen Komödie gleichen, während die nächstbessere Option nur einen Wisch über den Bildschirm entfernt ist. Er schreibt über eine Anspruchshaltung, die er für eine der großen Geißeln unserer Zeit hält – „ehrlicherweise haben wir einen Anspruch auf nichts", sagt Paul –, und über das Aushalten als unterschätzte Tugend in Beziehungen: nicht als Erdulden, sondern als Bereitschaft, auch schwierige Phasen gemeinsam zu durchleben, statt beim ersten Fehltritt zum nächsten Profil zu wischen. In seinem Roman gibt es deshalb kein Online-Dating. Rosa und Nikolas begegnen sich analog, in einem Treppenhaus, sie klatschnass vom Regen. Weil Paul glaubt, dass dort die Magie beginnt: im Unerwarteten, im Unbequemen, im Echten. Am Ende ist „Eine Liebe ohne Sommer" ein Buch über das Kennenlernen – nicht nur zweier Menschen, sondern auch seiner selbst. Rosa hält sich für selbstbewusst, doch Pauls Erzählung legt ihre Unsicherheiten frei; sie denkt, ihre Familie sei die neurotischste der Welt, bis sie erkennt, dass gerade diese laute, chaotische Sippe im entscheidenden Moment zusammensteht. Paul, Jahrgang 1970, verbindet das mit einer Lebensweisheit, die so einfach klingt, dass man sie leicht überhört: Wer neugierig bleibe und nicht glaube, im Vollbesitz einer Weisheit zu sein, der bleibe jung. Er selbst wolle sein Lieblingsbuch eine Sekunde vor dem Sterben zu Ende gelesen haben – denn es wäre doch furchtbar, wenn man es schon mit dreißig gefunden hätte. Es sind nicht immer die großen Liebesgeschichten, die ein Leben prägen. Manchmal sind es kurze Momente, zufällige Begegnungen, ein Treppenhaus an einem Regentag. Und die Bereitschaft, sich darauf einzulassen – auch auf die Gefahr hin, dass es wehtut. Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  17. Bill Fehn über Bourbon, Bauchgefühl und Barkultur
    14.05., 16:4100:39:35

    Wo die Stadt zur Ruhe kommt Es gibt diesen Moment, kurz nach dem Eintreten, in dem sich entscheidet, was für ein Abend es werden wird. Drinnen empfängt einen ein wärmeres Licht, und irgendwo am Rand des Wahrnehmungshorizontes steht jemand und sieht einen an – nicht flüchtig, nicht abschätzend, sondern auf jene altmodische Weise, die signalisiert: Ich habe Sie bemerkt. Bitte kommen Sie an. Es ist verblüffend, wie selten dieser Moment heute noch gelingt. Wer durch die Cocktailbars Münchens, Berlins oder Hamburgs zieht, erlebt häufiger das Gegenteil: ein Tresenpersonal, das die Bestellung wie eine Verwaltungsangelegenheit abwickelt, eine Karte, die mit Begriffen aus dem Labor flirtet, eine Choreografie aus Pinzetten und Räucherglocken, die mehr mit Theater als mit Trinken zu tun hat. Die Bar, einst der demokratischste Ort der Stadt, hat sich vielerorts in eine Bühne verwandelt. Die Gäste sind Publikum geworden. In den letzten Jahren ist eine leise Gegenbewegung zu beobachten, die daran erinnert, was eine Bar einmal war: ein Ort nicht der Inszenierung, sondern der Atmosphäre. Bill Fehn, der das Jaded Monkey in München betreibt, formuliert es mit der Gelassenheit eines Mannes, der weiß, dass das Komplizierteste oft das Einfachste ist: „Bar-Kultur ist eigentlich mehr die Atmosphäre, die man schafft." Atmosphäre, das ist das Licht über dem Tresen, die Geschwindigkeit, mit der eine Jacke abgenommen wird, der Stoff der Bank. Vor allem aber ist es das, was nicht passiert. „Zwischen Eleganz und Grunge", nennt Fehn den Stil, den er sucht – die Ästhetik einer Großstadt, die nicht zu prächtig sein will. Damit gehört eine fast unmodische Auffassung des Berufs einher: Der Drink ist nicht der Höhepunkt des Abends, sondern sein Hintergrund. „It's more a feeling than a science", sagt Fehn. Nicht die Apparatur entscheidet, sondern das Gespür. Hinter all dem liegt eine Veränderung, die größer ist als jede einzelne Bar. Die Münchner trinken weniger. Wo früher eine Vierergruppe ihre drei, vier Runden in zügiger Folge bestellte, kommen heute Gäste herein und ordern einen Drink, vielleicht einen zweiten. Das Geschäftsmodell der städtischen Bar, jahrzehntelang stabil, gerät an seine Ränder. Zugleich hat sich der Geschmack der Trinkenden geschärft: Spirituosen werden öfter pur genossen, der Whisky ist zurück, die Gäste kommen vorinformiert in den Laden. Es wird weniger, aber bewusster getrunken – eine Doppelbewegung, die das Cocktailhandwerk gleichzeitig weniger gebraucht und ernster genommen sein lässt. Bemerkenswert ist, dass in München in diesen Jahren auch etwas zusammengewachsen ist, das es früher kaum gab: eine Bar-Community. Lange galt das Berufsfeld als ein Geflecht aus Geheimnissen und Eifersüchteleien. Heute teilt man Tipps, empfiehlt Lieferanten, lädt einander zu Festivals ein. „Konkurrenz ist nicht Kampf", sagt Fehn, „es belebt die Qualität." Es ist ein Satz, der weit über die Barszene hinaus gilt. Alle Informationen zu DIE SCHWERKRAFT DER VERNUNFT unter: https://schwerkraft-der-vernunft.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  18. Tania Söllner über falsches Glück, echte Wut und das Genug-Sein
    23.04., 16:0000:56:11

    Warum die Suche nach dem Glück oft das Gegenteil bewirkt Es gibt eine Szene, die Tania Söllner gerne erzählt. Sie sitzt, hochschwanger, in einem Yogakurs, fühlt sich „wie ein Walross" und fragt sich: Warum mache ich das eigentlich? Söllner, die als „Die Clementa" hunderttausenden Menschen auf Instagram bekannt ist, hat mit „Scheiß auf Yoga" einen Spiegel-Bestseller geschrieben und geht nun mit dem gleichnamigen Programm auf Tour. Der Titel klingt nach Provokation, doch es geht nicht gegen Yoga. Es geht gegen eine Gesellschaft, die das Glück zur Pflichtübung erklärt hat – und dabei vergessen hat, worin es eigentlich besteht. Dankbarkeitstagebücher, Breathwork auf Bali, zuckerfreies Frühstück mit Chiasamen: All das, so Söllners Argument, sei oft nichts anderes als Kompensation. Eine Ablenkung davon, sich mit der eigentlichen Frage zu beschäftigen: Was will ich wirklich? „Es gibt tausend Vorgaben, die dir sagen, du bist nur glücklich, wenn du zweimal die Woche in den Wald gehst", sagt sie. „Wahres Glück kommt von innen nach außen und nicht von außen nach innen." Hinter der Bühnenenergie liegt eine Biografie, die wenig mit Leichtigkeit zu tun hat. Aufgewachsen als Einzelkind in einem strengen italienischen Elternhaus, rebellierte Söllner früh und fand für ihre Wut lange kein Ventil. Im Beruf spielte sie die Rolle der erfolgreichen Frau, privat stand sie vor dem Zusammenbruch. Eine Familienaufstellung mit 23 wurde zum Wendepunkt – seither arbeitet sie an dieser Wut, nicht um sie loszuwerden, sondern um sie zu kanalisieren. Heute lebt sie mit ihren Eltern in einem Haus, friedlich und versöhnt. Ihr Vater habe sich nicht grundlegend verändert, sagt sie. Sie aber schon. „Freiheit ist, wenn du Sachen nicht nur sagst, sondern sie auch wirklich fühlst." Fragt man Söllner nach der einen Botschaft, die von ihrer Tour bleiben soll, kommt die Antwort ohne Zögern: „Du bist genug. Du bist schon. Du musst nicht erst werden." Es ist ein Satz, der an Gewicht gewinnt, weil er nicht aus der Theorie kommt, sondern aus der Erfahrung einer Frau, die selbst jahrelang versuchte, in Formen zu passen, die nicht die ihren waren. Söllner ist keine Gegnerin der Selbstfindung – sie ist eine Gegnerin der Selbstfindungsindustrie. Der Unterschied mag klein wirken, aber er ist, wie so vieles bei ihr, genau der Punkt. Ihre Tour startet am 27. April in Köln, im Juni gastiert sie im Münchner Schlachthof. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  19. Sarah Lesch über Schubladen, Verletzlichkeit und echte Nähe
    16.04., 16:5401:22:43

    Lastenräder, innere Mauern und die Sehnsucht nach dem Echten Es gibt einen Moment, den Sarah Lesch beschreibt, der sich anfühlt wie der heimliche Drehpunkt ihres neuen Albums „Poesie & Widerstand": den Moment, in dem man alles hat, was man immer wollte – und merkt, dass es das gar nicht war. Den Erfolg, die ausverkauften Konzerte, den optimierten Körper. „Das war der furchtbarste Moment in meinem Leben", sagt sie. Weil dahinter keine Erfüllung kam, nur die Erkenntnis, sich irgendwo unterwegs selbst stehen gelassen zu haben. Ihr Song „Anna-Lisa" erzählt davon in Miniatur: eine Frau zwischen performativem Vorzeige-Feministen und echtem Glück am Fußballstadion, zwischen Hafermilch-Gewissen und der Sehnsucht nach dem Einfachen. Es sei, sagt Lesch, ein Lied über die menschliche Fehlbarkeit ihrer Generation – die zwischen analoger Kindheit und digitaler Dauerüberforderung aufgewachsen ist und seitdem nicht aufgehört hat, sich zu optimieren, ohne je zu wissen, wofür eigentlich. Was Lesch auf dem Album verhandelt, ist eine Absage an das Entweder-oder: Poesie oder Widerstand, stark oder schwach, fühlen oder funktionieren. Sie kennt die Konsequenzen des Verdrängens – wer die Tiefe nicht mehr zulasse, dem verschwinde auch die Höhe, bis nur noch Stau in der Mitte bleibe, eine Gefühllosigkeit, die sich anfühle wie Depression. Ihr eigener Körper habe ihr das über Jahre hinweg signalisiert, mit Schmerzen, mit einer Hand, die nicht mehr Gitarre spielen konnte. Heute sieht sie darin einen Seismographen, kein Versagen. Und sie dreht den modischen Imperativ der Selbstreflexion um: Das Problem sei nicht, dass wir zu wenig über uns nachdenken, sondern dass wir nicht damit aufhören können. „Bloß nicht einfach mal man selber sein und überlegen, was sagt mir eigentlich mein Herz?" Statt noch besser zu reflektieren, gehe es darum, einfach mal zu machen – weniger denken, mehr sein. Lesch hat für dieses Album erstmals vorab eine künstlerische Grundhaltung formuliert, die sie „Adlerpoesie" nannte: herauszoomen statt Grabenkampf, den Knoten finden, der alles zusammenhält. Das habe sich „sehr erwachsen" angefühlt. Gleichzeitig spricht sie offen über die Krise ihrer Branche – sterbende Clubs, Algorithmen, die politische und queere Inhalte drosseln, Plattformen, die Texte zu lang finden. Ihre Antwort ist keine programmatische, sondern eine persönliche: zurück zum Kleinen, zum Direkten, zu Wohnzimmerkonzerten, bei denen man hinterher noch auf der Terrasse sitzt und redet. Sie erzählt das bei einem Treffen in Berlin, kurz vor Release, und entwirft dabei ein Bild, das den Geist des Albums gut einfängt: Sie stelle sich vor, als alte Frau auf einer Veranda die gehetzten Sprachnachrichten von heute abzuhören – und froh zu sein, irgendwann damit aufgehört zu haben. Es gehe auf diesem Album nicht ums Glück, sagt sie, sondern ums Glücklichsein. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  20. Eva Umlauf über Entmenschlichung, Erinnerung und Hoffnung
    09.04., 17:5600:41:04

    Leise sterbende Demokratien, alter Schmerz und neue Warnungen Sie ist eine der jüngsten Überlebenden von Auschwitz, und sie schweigt nicht. Dr. Eva Umlauf, 1942 im slowakischen Nováky geboren, als Kleinkind deportiert, später Psychotherapeutin und Kinderärztin in München, hat mit 83 Jahren ein neues Buch geschrieben. „Genau so fängt es an" ist kein historischer Rückblick, sondern eine Warnung an die Gegenwart. Umlauf erkennt Muster wieder: eine politische Sprache, die nur noch Drohung und Bestrafung kennt, eine schleichende Resignation in der Mitte der Gesellschaft, ein Europa, in dem Demokratien von innen erodieren. „Man weiß nicht, womit man rechnen kann", sagt sie über die Unberechenbarkeit autoritärer Führungsfiguren. Was sie besonders beunruhigt, ist nicht die Lautstärke der Extremen, sondern die Stille derer, die es besser wissen müssten. Demokratien sterben nicht mit einem Knall – sie sterben Schritt für Schritt, in wachsender Gleichgültigkeit. Als Psychotherapeutin kennt Umlauf die Verwundungen, die politische Gewalt über Generationen hinterlässt. In den Täterfamilien wurde vor allem geschwiegen – „und dieses Schweigen war wie ein Geschwür, das sich mit Eiter gefüllt hat". Therapie, sagt sie, sei kein Versprechen auf Heilung, sondern ein Prozess: „Man kann Auschwitz nicht ungeschehen machen, aber ich kann das annehmen als Teil meines Lebens." Sie selbst trägt die Spuren körperlich in sich, auch ohne bewusste Erinnerung an das Lager. Dass sie überlebte, war Zufall – der Transport verspätete sich, die Gaskammern waren bereits gesprengt. Was sie umtreibt, ist die Frage, ob die Gesellschaft aus diesen Traumata lernt oder ob sie unbearbeitet weiterwirken, in Angst, Neid und dem Drang zur Entmenschlichung des Anderen. Trotz allem macht Umlauf weiter. Sie geht in Schulen, spricht mit Jugendlichen, fordert Konsequenz – etwa ein Verbotsverfahren gegen die AfD. „Schritt für Schritt, man schleppt sich wie eine Schnecke nach vorne." Dass ihr Buch gerade jetzt so viel Aufmerksamkeit bekommt, freut sie; die Zeit sei reif gewesen. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

Zwei Menschen, eiskalte, perfekt gemixte Drinks und eine Menge Zeit für inspirierende Bargespräche: Mach es Dir an unserem Tresen gemütlich und lerne interessante Menschen mit unterschiedlichsten Passionen, Professionen und Geschichten kennen! Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter: https://48forward.com Moderation: Daniel Fürg Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)