
Clara Strehle über Anzüge, Handwerk und mentale Freiheit
Beschreibung der Episode
Der Anzug gilt als das universellste Kleidungsstück: Er passt zu jedem Anlass, und wer ihn trägt, muss sich keine Gedanken über sein Outfit machen. Laut Clara Strehle galt das bisher allerdings nur für Männer. Frauen kennen eine andere Erfahrung, die sie in vier Wörtern zusammenfasst: „Blazer passt, Hose nicht." Die Münchner Unternehmerin, selbst leidenschaftliche Anzugträgerin, hat daraus ein Unternehmen gemacht. In ihrem Studio entstehen in Co-Kreation mit ihren Kundinnen Maßanzüge aus feinsten italienischen Materialien, jeder Knopf persönlich von ihr ausgewählt. Die Mode begleitet sie seit ihrer Kindheit im Familienbetrieb Strenesse, ihren eigenen Weg fand sie bei der Pariser Vogue, in der PR bei Tom Ford und als Merchandiserin bei JW Anderson und Bally.
Die Idee für die Maßanzüge entstand während der Pandemie, als Strehle mit Kundinnen deren Kleiderschränke nach Vintage-Schätzen durchforstete. Fast jede fragte irgendwann nach den Anzügen ihrer Mutter, weil ihre alten immer noch passten. Die Antwort fand Strehle im Schnitt. Konfektion wird heute in Masse produziert und folgt einem standardisierten Schnitt, der einer Frau sagt: „So hat dein Körper zu sein." Frauenkörper sind jedoch sehr viel vielfältiger als die der Männer und verändern sich im Laufe des Lebens immer wieder. Strehles Alternative: „Ein Kleidungsstück sollte sich dem Körper der Trägerin anpassen, nicht andersherum."
Wie sehr ein schlecht sitzendes Outfit ablenken kann, erfuhr sie von der Mitgründerin einer Filmproduktionsfirma: Vor wichtigen Terminen sei sie zu mindestens 25 Prozent mit ihrer Kleidung beschäftigt, während sich ihr männlicher Mitgründer ganz auf das Ziel konzentriere. Ein Anzug, der wie eine zweite Haut sitzt, schenkt dagegen das, was Strehle „mentale Freiheit" nennt: die Möglichkeit, mit voller Kraft und selbstbewusst in den Tag zu gehen. Deshalb beginnt jeder Anzug bei ihr mit der Frau, die ihn trägt, mit ihrem Alltag und ihren Unsicherheiten. Fast 90 Prozent ihrer Kundinnen kommen wieder, und viele von ihnen sagen am Ende des Termins, sie hätten sich zum ersten Mal seit zehn Jahren verstanden und gehört gefühlt.
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