Podcast

Gin And Talk

The 48forward Studios

Society & Culture

203 Episoden · neueste 08.10.

Episoden

203
  1. Ansa Sauermann über Empörung, Demokratie und die Kunst des Widerspruchs
    19.03., 16:0001:05:34

    Über Spaltung – und die Sehnsucht nach einem Wir „Geht’s noch“ ist ein Titel ohne Fragezeichen – und genau darin liegt seine Kraft. Für Ansa Sauermann ist er Ausruf und Diagnose zugleich: Ausdruck einer Erschöpfung in Zeiten der Dauerempörung. Sein neues Album ist nicht als politisches Projekt geplant gewesen, sondern „eine logische Konsequenz, eine Notwendigkeit“. Zu viel habe sich angestaut – in Freundschaften, die an politischen Differenzen zerbrechen, in Debatten, die nur noch aus Zuschreibungen bestehen. „Es gibt keine Debattenkultur mehr, keine gesunde mehr. Es gibt nur noch auf die Fresse“, sagt Sauermann. Zugleich warnt er vor Vereinfachungen: Nicht jeder, der anders denke, sei ein Extremist. Entscheidend sei, „im Gespräch zu bleiben“, ohne dabei Grenzen gegenüber menschenfeindlichen Positionen zu verwischen. Sauermann kritisiert eine Gesellschaft, in der viele glauben, Engagement bestehe im Repost oder im empörten Kommentar. „Es muss nicht jeder immer eine Meinung zu allem haben“, sagt er – und plädiert für Zuhören als politische Tugend. Politik beginne nicht erst bei Wahlen, sondern im Alltag, im konkreten Handeln, im Verlassen der eigenen Bubble. Dass Popmusik sich lange aus gesellschaftlichen Konflikten zurückgezogen habe, sieht er skeptisch. „Kunst war nie unpolitisch. Und Gott bewahre vor dem Tag, wo es das wird.“ Seine Songs wollen dabei nicht belehren, sondern den „Finger in die Wunde legen“ – ohne Zeigefinger, ohne moralische Überhöhung. Auch in der Produktion suchte Sauermann nach Unmittelbarkeit statt Perfektion. Viele Stücke entstanden zunächst zu Hause, frei von Studiouhr und Erwartungsdruck. „Am Ende gewinnt immer der beste Take gegen die Soundqualität“, sagt er – manchmal blieb genau die raue Demospur auf dem Album. So ist „Geht’s noch“ nicht nur ein Kommentar zur politischen Gegenwart, sondern auch ein ästhetisches Statement: gegen Überproduktion, gegen Überhitzung, gegen das ständige Besserwissen. Im Gespräch über das Album wird deutlich, dass Sauermann weniger Antworten liefern will als Räume öffnen – für Zweifel, für Widerspruch und für die Hoffnung, dass aus Lärm wieder ein Gespräch werden kann. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  2. Eva Asselmann über Überforderung, Reizflut und Selbststeuerung
    12.03., 16:1500:40:02

    Warum wir in einer beschleunigten Welt Halt verlieren Das Gefühl, dass alles zu viel ist, gehört inzwischen zum Grundton unserer Zeit. Push-Nachrichten, E-Mails, Social Media, globale Krisen – der Alltag ist ein Dauerfeuer aus Reizen, das kaum Pausen kennt. Die Psychologin Prof. Dr. Eva Asselmann verweist darauf, dass das Stressempfinden in den vergangenen Jahren messbar gestiegen ist. Zwar habe die gewachsene Aufmerksamkeit für mentale Gesundheit dazu geführt, dass Menschen offener über Belastung sprechen. Doch selbst wenn man diesen Effekt berücksichtigt, bleibe das Niveau hoch. „Wir finden, dass sich in den letzten Jahren, Jahrzehnten das Stressempfinden von Menschen immer mehr zugespitzt hat“, sagt sie. Das Leben sei schneller, verdichteter, komplexer geworden – und damit anstrengender. Hinzu kommt eine Gesellschaft, die Freiheit verspricht und zugleich permanent bewertet. Wer aus unzähligen Optionen wählen kann, muss auch ständig entscheiden – und zweifeln. Social Media verschärft diesen Druck. In einer „Selbstoptimierungsgesellschaft“ mit „immensem Leistungsdruck“ seien Menschen täglich mit idealisierten Bildern konfrontiert. „Wir wissen zwar, dass das unrealistisch ist“, sagt Asselmann, „aber trotzdem nehmen wir das emotional für bare Münze.“ Das Resultat ist oft das nagende Gefühl, nicht zu genügen. Gleichzeitig wächst in unsicheren Zeiten die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Komplexität überfordert – klare Narrative beruhigen. Doch Überforderung ist kein Schicksal. Asselmann plädiert für kleine, realistische Schritte: das eigene Nutzungsverhalten beobachten, digitale Reize begrenzen, bewusste Pausen einlegen, soziale Beziehungen pflegen. „Es lohnt sich erstmal klein anzufangen, anstatt alles umkrempeln zu wollen.“ Wer lernt, sich im Hier und Jetzt zu verankern und den Fokus auf den nächsten konkreten Schritt zu richten, kann dem Zuviel etwas entgegensetzen. In ihrem Buch "Too much" entfaltet Asselmann diese Gedanken ausführlich – und zeigt, dass Selbstregulation zur Schlüsselkompetenz einer beschleunigten Welt geworden ist. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  3. Jürgen Trittin über Macht, Europa und die neue Weltordnung
    05.03., 19:3400:58:40

    Eine Weltordnung im Umbruch und Europas Rolle darin Die geopolitische Lage der Gegenwart beschreibt Jürgen Trittin als einen „Zeitenbruch“. Nach Jahrzehnten relativer Stabilität sei die Rückkehr imperialer Machtpolitik nicht mehr zu übersehen – in Russland ebenso wie in den USA. Putins Angriff auf die Ukraine deutet er als Versuch, ein historisches Imperium wiederherzustellen, während die Vereinigten Staaten unter Donald Trump zunehmend eine Rolle als klassische Großmacht akzeptieren, statt als globaler Hegemon aufzutreten. Für Europa bedeutet diese Entwicklung eine fundamentale Herausforderung: Die Vorstellung, wirtschaftliche Verflechtung allein könne Konflikte verhindern, habe sich als zu optimistisch erwiesen. Trittin warnt jedoch davor, Europa kleinzureden. Mit rund 450 Millionen Bürgerinnen und Bürgern, einem starken Binnenmarkt und hoher Rechtssicherheit verfüge der Kontinent über erhebliche Machtressourcen. Gerade deshalb müsse Europa selbstbewusster auftreten – wirtschaftlich, technologisch und politisch. Dazu gehöre auch, sich unabhängiger von amerikanischer Infrastruktur zu machen, etwa bei Cloud-Diensten, Software oder Satellitensystemen. „Resilienz kostet“, sagt Trittin – doch strategische Unabhängigkeit sei der Preis für politische Handlungsfähigkeit in einer zunehmend konfliktreichen Welt. Gleichzeitig sieht er auch im Inneren eine zentrale Aufgabe: Demokratie müsse liefern. Wenn politische Entscheidungen immer wieder verwässert würden oder Reformen aus Angst vor Konflikten zurückgenommen würden, verliere Politik ihre Glaubwürdigkeit. Gesellschaften könnten nur funktionieren, wenn sie Konflikte aushalten und Mehrheitsentscheidungen respektieren. Trotz vieler beunruhigender Entwicklungen bleibt Trittin deshalb bei einem vorsichtigen Optimismus. Mit einem Verweis auf den italienischen Philosophen Antonio Gramsci formuliert er seine Haltung so: Pessimismus des Geistes – aber Optimismus des Willens. Denn ob sich die Welt zum Besseren oder Schlechteren entwickelt, sei letztlich keine Frage des Schicksals, sondern menschlichen Handelns. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  4. Elfie Donnelly über Geschichten, Sehnsucht und Unabhängigkeit
    29.01., 15:3900:58:59

    Wie Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg das Licht der Welt erblickten Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg sind Figuren, die nie laut sein mussten, um Wirkung zu entfalten. Sie entstanden in einer Zeit, in der Kinderliteratur noch nicht durch Marktlogiken, sondern durch Haltung geprägt war. Elfie Donnelly erfand ihre Welten nicht mit pädagogischem Zeigefinger, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus: Geschichten zu erzählen, die Freiheit spürbar machen. Fantasie war bei ihr nie Eskapismus, sondern eine Form von Selbstermächtigung – für Kinder wie für Erwachsene. Geprägt von Brüchen, Verlusten und einer Kindheit zwischen Klassen und Kulturen, wurde Schreiben für Donnelly früh ein Zufluchtsort. Ihre Figuren tragen diese Erfahrung in sich: Sie widersprechen Autoritäten, ohne zynisch zu sein, und sie nehmen Kinder ernst, ohne sie zu überfordern. Dass diese leise Anarchie bis heute trägt, liegt gerade daran, dass sie nie erklärt, sondern erzählt wurde. Heute blickt Donnelly kritisch auf eine Kultur, die Kindgerechtigkeit oft mit Harmlosigkeit verwechselt und Kreativität zunehmend an Algorithmen delegiert. Für sie bleibt Schreiben ein zutiefst menschlicher Akt – einer, der Zeit braucht, Zweifel zulässt und sich nicht optimieren lässt. Genau deshalb wirken ihre Geschichten weiter: weil sie Raum lassen, statt ihn zu füllen. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  5. Alice Merton über Intuition, Abschied und Selbstbestimmung
    15.01., 16:0400:50:35

    Freiheit beginnt mit einer Entscheidung Alice Merton hat sich in den vergangenen Jahren als eine Künstlerin etabliert, die lieber nach innen hört als nach außen schreit. Ihr neues Album „Visions" ist kein kalkulierter Chartversuch, sondern eine musikalische Selbstvergewisserung. Es erzählt von Abschied und Selbstbestimmung, von der Kraft, Menschen hinter sich zu lassen, die einem nicht guttun – und davon, wie viel Mut es braucht, genau das zu erkennen. „Ich habe die Kraft, selbst zu entscheiden, wen ich noch in meinem Leben haben möchte“, sagt Merton. Es sind Sätze wie dieser, die zeigen, wie sehr sie sich von der Getriebenheit früherer Jahre gelöst hat. Nicht das nächste große Ziel zählt, sondern die Entscheidung, auf sich selbst zu hören – auch wenn das bedeutet, gegen Erwartungen zu leben. In der Stille Islands hat sie genau diesen Raum gefunden. Dort, wo Elfen in den Felsen wohnen und der Wind die Rhythmen vorgibt, entstand ein Teil des Albums – organisch, reduziert, ehrlich. Merton spricht über Einsamkeit als Möglichkeit zur Konzentration, über Klang als Resonanzkörper für Erinnerungen, über Instrumente aus Stein und Wasser. Das Album ist durchzogen von dieser Atmosphäre: weniger Synths, mehr echte Drums, Gitarren, Stimmen, die nicht gefallen, sondern erzählen wollen. Gleichzeitig stellt sie sich der Flüchtigkeit der Gegenwart – dem Druck, permanent Inhalte für Social Media zu produzieren. Doch Merton widersteht der Versuchung, sich selbst in Echtzeit zu verkaufen. „Ich will, dass man mich durch meine Musik kennenlernt. Nicht durch meine täglichen Storys.“ Was bleibt, ist ein Album, das Tiefe sucht – und Nähe zulässt, ohne sich anzubiedern. Ein Werk, das sich dem Leben nicht in seiner Oberfläche nähert, sondern durch Verletzlichkeit und Intuition einen anderen Zugang eröffnet. In unserem Gespräch zeigte sich Alice Merton als nachdenkliche, wache Beobachterin ihrer selbst und der Welt. Sie spricht über Liebe, über den Tod, über das Gefühl, dass auch Heimat manchmal nur ein Mensch sein kann – oder ein Moment, der bleibt. Visions ist deshalb mehr als eine Sammlung neuer Songs. Es ist eine Einladung, sich selbst zu begegnen – jenseits von Lärm und Erwartung. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  6. Fredy Gareis über Freiheit, Autorität und den neuen Eisernen Vorhang
    01.01., 16:0400:55:39

    Der lange Schatten der Ordnung Autoritäre Systeme entstehen selten im offenen Bruch. Sie wachsen in kleinen Verschiebungen, die sich jeweils noch rechtfertigen lassen. „Man rationalisiert sich das ja immer ein Stück hin“, sagt Fredy Gareis. „Jetzt schauen wir erstmal, so schlimm wird es ja nicht werden.“ Gerade Gesellschaften mit historischer Erfahrung neigen paradoxerweise dazu, das Neue zu übersehen, weil sie es am Alten messen. Wer erwartet, dass Autoritarismus so aussieht wie im 20. Jahrhundert, erkennt ihn oft erst, wenn er längst wirksam ist – als schleichende Gewöhnung an Ordnung, Kontrolle und Vereinfachung. Für sein Buch "Als ich gegen Stalin im Armdrücken gewann" reist Gareis entlang des neuen Eisernen Vorhangs und beschreibt ein Europa, das im Westen häufig als homogene, graue Fläche wahrgenommen wird. Tatsächlich jedoch zeigen sich gerade in den Ländern des Nordens und Ostens unterschiedliche, historisch geprägte Antworten auf Macht und Bedrohung. In Finnland etwa wird Verteidigung nicht als Militarismus verstanden, sondern als Teil gesellschaftlicher Vorsorge; Bildung, Kultur und öffentliche Infrastruktur gelten dort als Sicherheitsfaktoren. „Selbstvertrauen kommt davon, dass du weißt, was du tust“, schreibt Gareis – Freiheit erscheint hier nicht als abstraktes Ideal, sondern als etwas, das organisiert, trainiert und geschützt werden muss. Gleichzeitig beschreibt Gareis eine wachsende Sehnsucht nach autoritärer Ordnung, gespeist aus Enttäuschung über eine Freiheit, die sich vielerorts auf Konsum reduziert hat. Stalin wird dabei weniger als historische Figur erinnert denn als Chiffre für die „eiserne Hand“, die Chaos beendet und Klarheit verspricht. Gareis nennt das eine „Politik der Ewigkeit“: ein Versprechen auf Stabilität, das stets in der Zukunft liegt und doch nie eingelöst wird. Sein Buch liest sich damit auch als Warnung – vor Selbstzufriedenheit, vor politischer Bequemlichkeit und vor der Illusion, Freiheit sei ein Zustand, der sich von selbst erhält. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  7. Sophia Maier über Krieg, Angst und Menschlichkeit
    04.12., 17:3700:49:33

    Die vermissten Geschichten des Krieges Kriegsreporterin Sophia Maier hat in den vergangenen Jahren erlebt, wie sehr sich Konflikte in unsere Gegenwart hineindrängen – und wie schnell dabei die Menschen hinter den Schlagworten verschwinden. Sie spricht von „existenziellem Angstgefühl“, das sie erstmals in der Ukraine erfasste, und davon, dass der natürliche Reflex in solchen Momenten nicht Flucht, sondern Arbeit sein kann: „Was gibt mir Halt? Reporterin sein.“ Ihre Erfahrung verweist auf ein größeres Problem unserer Zeit: Der Krieg ist in unseren Feeds allgegenwärtig, aber die individuellen Lebensgeschichten, die ihn ausmachen, verlieren an Platz. Stattdessen dominiert eine Sprache der Entmenschlichung, die Geflüchtete in Kategorien sortiert und politische Verantwortung oft ausblendet. Maier erlebt, wie komplexe Zusammenhänge im öffentlichen Diskurs verschwinden. Flucht werde behandelt, „als wäre sie eine Naturkatastrophe“, sagt sie, obwohl westliche Politik, Klimawandel und jahrzehntelange geopolitische Entscheidungen zentrale Ursachen sind. Gleichzeitig verlieren viele Menschen das Vertrauen in Medien – nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil sie sich nicht mehr gesehen fühlen. Das ungefilterte Übermaß an Bildern aus Kriegsgebieten überfordert zusätzlich. Selbst sie, die beruflich daran gewöhnt ist, sagt: „Ich habe Bilder gesehen, die ich in meine Träume mitgenommen habe.“ In dieser Gemengelage gewinnen Personenmarken an Einfluss, während institutioneller Journalismus an Autorität verliert – eine gefährliche Verschiebung, die demokratische Öffentlichkeit unter Druck setzt. Ihre Arbeit führt Maier immer wieder zu jenen, deren Geschichten sonst unsichtbar bleiben – zu Familien in Syrien, Kindern in Aleppo, Zivilisten in der Ukraine, aber auch zu Akteuren wie der Hamas oder den Taliban. Objektivität sei unter solchen Bedingungen ein schwieriges Ideal, wichtiger sei Haltung dort, wo es um Unverhandelbares geht: Menschenrechte, Menschenwürde, Überleben. Für all das zahlt sie einen persönlichen Preis: Jahre voller Bedrohungen, Übergriffen und traumatischer Erfahrungen haben Spuren hinterlassen, und erst spät lernte sie, sich selbst Pausen zuzugestehen. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  8. Eric Wrede über Rituale, Trauerarbeit und emotionale Selbstwirksamkeit
    27.11., 15:1100:53:03

    Wenn der Tod die Tür öffnet Der Tod ist ein Tabu, das sich hartnäckig hält – obwohl er das Einzige ist, was uns alle mit Gewissheit verbindet. Wir planen unser Leben bis ins Detail, sichern uns ab, sorgen für die Rente vor – und doch trifft uns der Tod meist unvorbereitet. Eric Wrede, ehemaliger Musikmanager und heutiger Bestatter, plädiert für einen offeneren Umgang mit dem Sterben. Trauer, sagt er, sei kein Ausnahmezustand, sondern ein Teil des Lebens. Wer sich ihr stellt, wachse daran. Nicht selten werde ein gesunder Trauerprozess zum Katalysator für mehr Empathie, Selbstreflexion und Klarheit im Leben. Was wie ein persönlicher Weg klingt, hat tiefere gesellschaftliche Konsequenzen. Studien zeigen: Menschen, die Verluste nicht verarbeitet haben, sind anfälliger für einfache Antworten und rückwärtsgewandte politische Versprechen. Wer nicht gelernt hat, mit unwiderruflichen Veränderungen umzugehen, sehnt sich nach der Wiederherstellung eines Idealzustands – so entstehen politische Resonanzräume für Populismus. Der Tod ist also nicht nur individuell schmerzhaft, sondern auch politisch bedeutsam. Wrede sieht seine Aufgabe daher nicht allein im Organisieren von Bestattungen, sondern darin, Menschen zu befähigen, in einer extremen Situation handlungsfähig zu bleiben – emotional, organisatorisch, gesellschaftlich. Der Dokumentarfilm "Der Tod ist ein Arschloch", der Wrede über zwei Jahre begleitet hat, zeigt, wie dieser Anspruch in der Praxis aussieht – nah an den Menschen, nie pathetisch, aber stets mitfühlend. „Ich habe mich an tote Körper gewöhnt, aber nicht an tote Kinder“, sagt Wrede. Es ist dieser ehrliche, unprätentiöse Ton, der seine Arbeit so besonders macht. Wer den Film sieht, begreift: Der Tod ist nicht das Ende. Er ist ein Moment der Entscheidung, wie wir mit dem Leben umgehen wollen. Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  9. Peter Freudenthaler über Lemon Tree, Musik und Haltung
    20.11., 15:5900:50:00

    Der Zitronenbaum und das, was blieb Es gibt Songs, die klingen wie ein Zeitstempel. Lemon Tree ist so einer. Fast jeder kennt ihn, fast jeder kann ihn mitsingen – und das seit fast 30 Jahren. Für Peter Freudenthaler, den Sänger von Fools Garden, war der Erfolg dieses Liedes nie planbar, nie kalkuliert. Der Song sei einfach da gewesen, sagt er. Nicht er habe ihn geschrieben, sondern er sei ihm passiert. Dass dieser eine Moment ihn bis heute begleitet, weltweit Türen geöffnet und sein Leben geprägt hat, beschreibt er nicht mit Eitelkeit, sondern mit Dankbarkeit. „Lieber auf einen Song angesprochen werden als auf keinen“, sagt er - und meint das ernst. Freudenthaler erzählt nicht nur von Ruhm und Tourneen, sondern auch von der Verantwortung, die mit öffentlicher Aufmerksamkeit einhergeht. Als politischer Mensch setzt er leise, aber klare Zeichen. In seinen Konzerten spricht er über Dankbarkeit, über das Vergessen der Selbstverständlichkeiten - und über die Notwendigkeit, Haltung zu zeigen. Songs wie Those We Lost at Sea, die dem Sterben Geflüchteter im Mittelmeer gewidmet sind, zeigen, wie Musik zum Träger von Mitgefühl werden kann. Gleichzeitig ist da die Sorge um eine Gesellschaft, die sich in digitalen Möglichkeiten verliert und in der KI bald glaubwürdiger klingt als der Mensch selbst. Vielleicht, sagt Freudenthaler, wächst gerade deshalb das Bedürfnis nach Nähe, nach Echtheit, nach echter Verbindung. Sein Buch "Mein Leben als Zitronenbaum" ist kein Vermarktungstrick, sondern ein persönlicher Versuch, Erfahrungen festzuhalten - für seine Kinder, für sich selbst. Erinnerungen, die beim Schreiben zurückkamen, Fragen, die unbeantwortet blieben, Momente, die sich mit Musik verbinden. Über 150 Songs hat Fools Garden geschrieben, viele davon abseits der öffentlichen Wahrnehmung. Dass einer von ihnen die Welt erobert hat, versteht Freudenthaler nicht als Bürde, sondern als Geschenk. Ein Geschenk, das er weiterträgt - mit neuen Liedern, auf der Bühne, im Gespräch. Und in der Hoffnung, dass Musik noch immer der Ort ist, an dem wir uns begegnen können, jenseits von allem, was uns trennt. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  10. Joshi (ZSK) über Punk, Antifaschismus und Zivilcourage
    13.11., 15:1600:53:39

    Zwischen Wut und Widerstand Es ist eine seltsame Zeit: Während die politischen Extreme lauter werden, wächst bei vielen die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Für Musiker wie Joshi von ZSK ist diese Entwicklung nicht theoretisch, sondern täglich spürbar. „Ich hätte wirklich nie gedacht, dass wir nochmal eine Situation bekommen, in der eine offen antisemitische, rechtsextreme Partei überall in den Parlamenten sitzt“, sagt er. Was früher undenkbar schien, ist zur neuen Normalität geworden – befeuert durch digitale Echokammern, gezielte Desinformation und eine Gesellschaft, die zwischen Überforderung und Abgestumpftheit schwankt. Wenn konservative Stimmen rechte Narrative übernehmen, verschiebt sich der Diskurs weiter; erreicht werden jene, die längst postfaktisch leben, damit jedoch kaum. Für Joshi ist Punkrock mehr als Musik – es ist ein politisches Werkzeug, ein Ventil gegen Resignation und eine Form der Selbstbehauptung. „Ich habe keine Angst vor Nazis. Aber Nazis haben Angst vor uns“, sagt er und meint damit eine widerständige Zivilgesellschaft, die sich nicht einschüchtern lässt. Sein Blick auf die Kulturlandschaft ist klar: Künstlerinnen und Künstler sollten sich stärker zeigen, nicht als moralische Instanz, sondern als solidarische Kraft. Er träumt von großen Acts, die bewusst in Regionen auftreten, „wo es brennt“, um denen den Rücken zu stärken, die dort häufig allein stehen. Parallel dazu sieht er eine zweite Verantwortung – die der Eltern. Kindern könne man weit mehr zutrauen, wenn es um Demokratie, Menschenrechte und Rassismus geht; politische Bildung beginne im Alltag, nicht erst im Lehrplan. Seine Kinderkonzerte zeigen, wie niedrigschwellig Haltung vermittelt werden kann: keine weichgespülte Kindermusik, sondern echte Punkkonzerte für junge Menschen. Dort erlebt man nicht nur, wie Musik verbindet, sondern auch, wie früh politische Grundhaltungen wachsen können. Und doch bleibt am Ende eine Sorge: Wie erreicht man Menschen, die keine Argumente mehr zulassen? „Wenn jemand bei allem sagt: ‚Glaube ich nicht‘, kommen wir nicht weiter“, sagt Joshi. Was er sich wünscht, ist schlicht – und zugleich radikal: eine Gesellschaft, die wieder zuhört. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  11. Julian Heißler über Geld, Einfluss und die Zukunft der USA
    06.11., 15:4300:49:57

    Wie eine kleine Elite Superreicher die Demokratie aushöhlt In den Vereinigten Staaten ist politischer Einfluss längst käuflich. Durch sogenannte Super-PACs können Superreiche nahezu unbegrenzt Geld in Wahlkämpfe lenken – legal, aber mit dramatischen Folgen für die Demokratie. Die politische Aufmerksamkeit verschiebt sich weg von der Bevölkerung und hin zu einer winzigen Spenderklasse. „Die Politiker müssen sich an den Interessen der Milliardäre orientieren, nicht an denen der Wähler“, sagt der Journalist Julian Heißler, der sich in seinem Buch "Amerikas Oligarchen" mit der wachsenden Macht des Geldes im politischen System beschäftigt. Wer über die größten Schecks verfügt, entscheidet heute mit darüber, welche Themen gesetzt werden – und wer überhaupt sichtbar bleibt. Dabei ist dieses System keineswegs neu. Schon bei der Gründung der USA wurde Eigentum rechtlich massiv geschützt – ein Erbe, das sich bis heute fortsetzt. Neu ist jedoch das Ausmaß der Einflussnahme. „Seit einer Entscheidung des Supreme Court ist es rechtlich möglich, unbegrenzt in Wahlkämpfe zu investieren“, so Heißler. Die Folge: Eine kleine Elite lenkt politische Debatten, meist aus dem Schatten heraus. Während Figuren wie Elon Musk durch öffentliche Auftritte polarisieren, agieren andere – wie Timothy Mellon oder Erbinnen alter Bankiersdynastien – im Verborgenen. Ihre Spenden verändern Wahlausgänge, verhindern Reformen und verschieben Machtverhältnisse – ganz ohne demokratisches Mandat. Julian Heißler schildert eindrücklich, wie tief dieser Wandel das politische System der USA verändert hat. Er beschreibt eine Demokratie im Stresszustand – formal intakt, inhaltlich jedoch zunehmend ausgehöhlt. Sein Buch ist keine Abrechnung, sondern eine nüchterne Diagnose eines Systems, das seine Spielregeln längst selbst geschrieben hat. Wer wissen will, wie Demokratie stirbt, ohne je ganz zu verschwinden, findet darin eine präzise Beschreibung. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  12. Caro Matzko über Familie, Trauma und Radikalisierung
    30.10., 15:0200:53:54

    Wenn die Vergangenheit nicht vergeht Die Journalistin, Autorin und Moderatorin Caro Matzko beschreibt in ihrem Buch "Alte Wut" ein Gefühl, das nicht laut, aber tief verankert ist: ein Erbe jener Generation, die mit Verlust, Entwurzelung und dem Schweigen lebte. Es ist eine Wut, die selten benannt wird, aber weiterwirkt – als latente Spannung in Familien, als diffuse Unruhe im gesellschaftlichen Miteinander. Ihr Vater, geboren in Ostpreußen, verlor im Krieg alles. Der emotionale Nachhall dieser Erfahrung reichte bis in Matzkos eigene Biografie – geprägt von Essstörungen, Überforderung und der Suche nach Stabilität. Erst durch eine intensive Traumatherapie wurde ihr bewusst, wie eng ihre eigene Lebensgeschichte mit der ihres Vaters verwoben war – und wie sehr sich politische Haltungen aus emotionalen Altlasten speisen können. Die gesellschaftliche Dimension wird dort sichtbar, wo persönliche Verlusterfahrungen auf politische Ohnmacht treffen – etwa in Ostdeutschland nach der Wende. Matzko kritisiert, dass westdeutsche Überheblichkeit vielen ostdeutschen Biografien ihren Wert abgesprochen habe. „Damit haben wir jemanden zum Niemand gemacht“, sagt sie – ein Gefühl, das anfällig mache für autoritäre Verlockungen. Wo sich Menschen nicht gesehen fühlen, greift das Bedürfnis nach Zugehörigkeit – selbst, wenn es in den radikalisierten Raum führt. Die AfD bietet einfache Erklärungen für komplexe Ängste: überfremdete Heimat, abgehängte Regionen, verlorene Kontrolle. Doch die Ursache sitzt tiefer – im Erleben eines Identitätsbruchs, der nie aufgearbeitet wurde. Matzko beschreibt ihren persönlichen Weg zur Aufarbeitung als schmerzhaft, aber heilsam – und ermutigt dazu, unbequemen Fragen nicht auszuweichen. „Wenn ihr das Gefühl habt, etwas tun zu müssen – dann macht es“, sagt sie. Man müsse nicht alles analytisch durchdringen, aber beginnen – mit einer Reise, einem Gespräch, einer Konfrontation. Und man müsse lernen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Denn Wut, so Matzko, ist oft nur die Oberfläche. Darunter liegt die Angst, nicht mehr mitzukommen. Und der Wunsch, in einer komplexen Welt wieder handlungsfähig zu werden. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://democracy-down.com Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  13. Marieke Reimann über Ostdeutschland, Anerkennung und Macht
    16.10., 16:4000:50:16

    Einheit mit Nebenwirkungen Die deutsche Einheit liegt 35 Jahre zurück, doch von echter Gleichheit ist wenig zu spüren. Die Angleichung zwischen Ost und West ist weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich gelungen. Ostdeutsche verdienen im Schnitt deutlich weniger, haben seltener Vermögen, sind häufiger von Altersarmut bedroht – und kaum in Führungspositionen vertreten. „Als Ostdeutscher erbst du eigentlich nichts“, sagt die Journalistin Marieke Reimann. Die strukturellen Unterschiede sind keine Einbildung, sie sind messbar. Und sie wirken bis heute fort – als Benachteiligung, als Gefühl des Übersehenwerdens, als reale Ohnmacht. Diese Ungleichheit zeigt sich nicht nur in Zahlen, sondern auch in Geschichten, die nicht erzählt werden. Ostdeutsche Kultur, Erinnerung und Lebenswirklichkeit sind unterrepräsentiert – in den Medien, in der Politik, in der kollektiven Wahrnehmung. Wer nicht vorkommt, fühlt sich nicht gemeint. Wer sich nicht gemeint fühlt, wendet sich ab. Und genau das geschieht vielerorts. Die AfD profitiert – nicht allein aus ideologischer Überzeugung, sondern aus Enttäuschung. Demokratische Parteien haben es über Jahrzehnte versäumt, die spezifischen Erfahrungen Ostdeutscher ernst zu nehmen – nicht paternalistisch, sondern auf Augenhöhe. „Viele Menschen haben keine Lust mehr, Medien zu konsumieren, in denen sie sich nicht wiederfinden“, sagt Reimann. Was es braucht, ist nicht Mitleid, sondern Respekt. Eine klare Benennung der Unterschiede. Eine gerechtere Verteilung von Repräsentation und Ressourcen. Und eine Erinnerungskultur, die nicht nur über die DDR urteilt, sondern auch anerkennt, dass in ihr Leben stattgefunden hat. „Ich wünsche mir gegenseitiges Interesse – ohne erhobenen Zeigefinger“, sagt Reimann. Das Gespräch mit ihr zeigt, wie wenig abgeschlossen das Kapitel Einheit ist – und wie viel es noch zu tun gäbe, wollte man es endlich zu einem gemeinsamen werden lassen. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://48f.de/democracydown Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  14. Franziska Hohmann über Abhängigkeit, Aufarbeitung und Befreiung
    09.10., 14:2000:55:29

    Wenn Eltern krank sind und Kinder still leiden Franziska Hohmann ist mit einer schwer depressiven Mutter aufgewachsen – in einer Dreiecksbeziehung, wie sie es selbst nennt: zwischen Mutter, Krankheit und Kind. Die Verantwortung, die sie als Tochter übernehmen musste, nahm ihr das eigene Kindsein. Erst spät erkennt sie, wie tief diese jahrelange Überforderung sie geprägt hat. „Ich konnte mich nie lösen“, sagt sie, „und deshalb ist es gut, dass sie nicht mehr da ist.“ Es ist ein harter Satz – aber auch ein ehrlicher. Ihr Buch "Gut, dass du nicht mehr da bist" ist keine Abrechnung, sondern ein Akt der Befreiung. Und ein Weckruf für eine Gesellschaft, in der über das stille Leid von Angehörigen viel zu selten gesprochen wird. Um zu funktionieren, fand Hohmann früh ihren eigenen Weg: Alkohol wurde zum Werkzeug, um Schmerz und Überforderung zu betäuben. Erst eine lebensbedrohliche Krise brachte die Wende. Heute spricht sie offen über ihre Sucht, über den Entzug, über den langen Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben. Dass sie diesen Weg überlebt hat, führt sie auch auf die Menschen zurück, die geblieben sind – Freunde und Freundinnen, die geholfen haben, als sie selbst nicht mehr konnte. Es sind diese Beziehungen, die ihr heute Halt geben – und zugleich Antrieb, anderen zu helfen. Franziska Hohmann will sichtbar machen, was lange im Verborgenen blieb. Sie erzählt von ihren Erfahrungen, nicht um zu schockieren, sondern um anderen Mut zu machen. Es geht ihr nicht um Schuld, sondern um Verantwortung: für sich selbst, für andere, für eine ehrlichere Debatte über psychische Erkrankungen und ihre Wirkung auf das familiäre Umfeld. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://48f.de/democracydown Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  15. Wolfgang Thierse über Populismus, Pluralität und Zuversicht
    02.10., 13:3300:51:12

    Zwischen Verunsicherung und Verantwortung Wolfgang Thierse warnt eindringlich vor der Erosion demokratischer Kultur. Die Gleichzeitigkeit globaler Krisen – Krieg, Migration, Klimawandel, technologische Umbrüche – überfordert viele Menschen, sagt er. Daraus erwachse eine gefährliche Sehnsucht nach einfachen Antworten und autoritären Lösungen. Doch Demokratie sei kein Versprechen auf schnelle Beruhigung, sondern eine Einladung zur Beteiligung. Sie verlangt Geduld, Streit und die Bereitschaft, Ambivalenz auszuhalten. „Politik kann Probleme nicht so schnell lösen, wie es sich eine verängstigte Menschheit wünscht“, sagt Thierse. Aber sie muss es versuchen – offen, redlich und ohne falsche Heilsversprechen. Besonders kritisch sieht Thierse die Rolle sozialer Netzwerke. Sie beförderten eine gespaltene Wirklichkeitswahrnehmung und zersetzten das Fundament gemeinsamer Debatte. Wenn öffentliche Räume nur noch zur Empörungsproduktion oder zur Selbstvermarktung genutzt würden, verliere die Demokratie ihre Verbindlichkeit. „Die AfD missbraucht das Parlament, um Clips für soziale Medien zu produzieren“, sagt Thierse – und stellt damit die Frage nach dem Ernst, mit dem politische Auseinandersetzungen noch geführt werden. Gleichzeitig warnt er davor, jene Bürger vorschnell abzuschreiben, die sich von der Politik nicht mehr gehört fühlen. Demokratische Überzeugung brauche Gespräch – auch mit denen, die zweifeln. Im Zentrum steht für Thierse nicht Optimismus, sondern Zuversicht. Sie sei „eine Haltung, die das Richtige tut, auch wenn es mühsam ist“. Demokratie werde nicht allein von Institutionen verteidigt, sondern vor allem von Bürgerinnen und Bürgern, die sich einmischen, einander zuhören und Verantwortung übernehmen. Alle Informationen zu DEMOCRACY DOWN gibt es unter: https://48f.de/democracydown Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  16. Ingmar Stadelmann über Höcke, Humor und den Ernst der Lage
    25.09., 14:3000:48:54

    Der Witz ist vorbei Der Rechtsextremismus tritt heute nicht mehr mit Springerstiefeln und Parolen auf, sondern im Gewand der Bürgerlichkeit – rhetorisch geschickt, medial versiert, scheinbar harmlos. Diese Normalisierung rechter Positionen geschieht nicht plötzlich, sondern schleichend. Was früher als extrem galt, ist heute oft akzeptierter Bestandteil öffentlicher Debatten. Der Kabarettist Ingmar Stadelmann warnt: „Es gibt keinen Schnipsmoment, ab dem Faschismus plötzlich da ist. Es ist ein Prozess.“ Wer ihn ignoriert, läuft Gefahr, seine Gefährlichkeit zu unterschätzen. Stadelmann beobachtet dabei nicht nur die Verschiebung des Sagbaren, sondern auch das Versagen der demokratischen Parteien, dieser Entwicklung kommunikativ etwas entgegenzusetzen. Während die AfD auf TikTok Reichweitenrekorde erzielt, halten andere Parteien an Kommunikationsformen fest, die längst nicht mehr ausreichen. Besonders im Osten sei die AfD identitätsstiftend geworden – nicht, weil die Menschen per se radikal seien, sondern weil sie sich nicht gesehen fühlen. „Im Osten wurde oft vergessen, unsere eigenen Leute in demokratischen Werten zu bilden“, sagt Stadelmann. Daraus entstehen Lücken, die autoritäre Kräfte füllen. In seinem aktuellen Bühnenprogramm "Stadelmann liest Höcke" seziert er satirisch und analytisch die Gedankenwelt des thüringischen AfD-Politikers – nicht, um Höcke zu diskreditieren, sondern um die demokratische Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Es ist ein Abend, der mitunter zum Lachen bringt, oft aber auch verstört. Denn wer mit eigenen Ohren hört, was dort tatsächlich geschrieben steht, erkennt schneller, wohin sich der politische Tonfall verschoben hat. Stadelmann sagt: „Ich mache diese Show nicht wegen Höcke – sondern wegen der 70 Prozent, die glauben, dieser Staat sei überfordert.“ Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  17. Rafael Seligmann über falsche Rücksicht, echten Hass und alte Muster
    18.09., 14:4801:01:18

    Die Wunde, die nicht heilen will Antisemitismus in Deutschland ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern ein Symptom gegenwärtiger gesellschaftlicher Verwerfungen. Rafael Seligmann beschreibt ihn in seinem neuen Buch "Keine Schonzeit für Juden" als „Fieber der Gesellschaft“ – ein Signal dafür, dass etwas grundsätzlich aus dem Gleichgewicht geraten ist. Trotz umfassender Erinnerungsarbeit, Gedenktagen und historischer Aufarbeitung blieb die individuelle Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung oft oberflächlich. Die jüdische Geschichte wurde erinnert, aber das jüdische Leben blieb unsichtbar – besonders in der jüngeren Generation. Seligmann widerspricht dem Bild von der sogenannten „Schonzeit“ für Juden, wie sie einst der Intendant Günther Rühle formulierte. Was wie Schutz klingt, ist in Wahrheit Ausgrenzung. Sichtbarkeit erfordert Mut – ein Mut, den viele Jüdinnen und Juden aus Angst vor gesellschaftlicher Ablehnung oft nicht aufbringen wollen oder können. Nach 1989 hätte Deutschland mit der Aufnahme russischer Juden eine neue Phase des jüdischen Lebens einleiten können. Doch diese Chance wurde weitgehend vertan – aus Angst, aus politischen Kalkülen, aus Desinteresse. Was bleibt, ist ein eindringlicher Appell an die Gesellschaft: Wer Antisemitismus bekämpfen will, muss das Grundrecht auf Würde ernst nehmen – nicht als Prinzip, sondern als tägliche Praxis. Seligmann fordert keine Sonderrechte, sondern gleiche Rechte. Keine Schonzeit, sondern Respekt. Und ein Ende des Gejammers – zugunsten eines tätigen Humanismus, der über das Judentum hinaus alle betrifft. Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  18. Ira Peter über Herkunft, Identität und Phantomschmerzen
    11.09., 14:3000:49:59

    Zwischen Stigma und Selbstbewusstsein Die Geschichte der sogenannten Russlanddeutschen ist eine, die in Deutschland lange übersehen wurde. Millionen Menschen kamen in den 1980er- und 1990er-Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland – mit deutschen Wurzeln, aber oft ohne gesellschaftliche Anerkennung. Ira Peter, Journalistin, Autorin und Podcasterin, gehört zu ihnen. In ihrem Buch "Deutsch genug?" erzählt sie nicht nur ihre persönliche Geschichte, sondern beleuchtet auch die kollektive Erfahrung einer Community, deren Identität bis heute auf ein irreführendes Etikett reduziert wird. Denn viele stammen nicht aus Russland, sondern etwa aus Kasachstan oder der Ukraine. Peter beschreibt, wie ihre Familie nach der Ankunft alles daran setzte, „gut genug“ für Deutschland zu sein – mit Anpassung, Sprachverzicht und unermüdlicher Arbeitsbereitschaft. Die fehlende Anerkennung mitgebrachter Berufsabschlüsse, die pauschale Gleichsetzung mit Russland, die politischen Klischees: All das prägt Biografien bis heute. Auch die Ängste, Unsicherheiten und das Gefühl, stets mehr leisten zu müssen, haben sich tief in vielen Familien eingegraben. Peter spricht von Phantomschmerzen – von Gefühlen, die aus einer Vergangenheit stammen, die nie ganz aufgearbeitet wurde. Ihre eigene Antwort auf die Frage nach Zugehörigkeit ist ein bewusst sperriger Begriff: Kasachstandeutsche-Deutsche. Er steht für die Vielschichtigkeit ihrer Identität – und für die Hoffnung, dass Herkunft nicht als Makel, sondern als Stärke verstanden werden kann. Im Gespräch mit Ira Peter wird klar: Wer verstehen will, was es heißt, in Deutschland anzukommen, ohne je ganz angekommen zu sein, sollte nicht nur in die Vergangenheit schauen, sondern auch gut zuhören, wenn Menschen wie sie heute ihre Stimme erheben. Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  19. Loomit über Graffiti, Kultur und die Macht der Farbe
    05.09., 15:5801:01:57

    Ein Leben für Farbe, Freiheit und öffentliche Räume Mathias Köhler, besser bekannt als Loomit, zählt zu den prägendsten Graffitikünstlern Europas. Seine Reise begann in einer Sommernacht in Buchloe mit Sprühdosen aus dem Fundus der Mutter und einem ersten Werk auf einem Wasserturm. Seitdem hat er an Wänden in New York, Melbourne, Mumbai und Rio de Janeiro gearbeitet. Nicht der Ruhm, sondern die Begegnung war sein Antrieb: „Man musste sich die Szene erarbeiten wie ein Detektiv. Die Leute standen nicht in den Gelben Seiten.“ Seine Kunst war von Anfang an mehr als Ausdruck: Sie war soziale Intervention, visuelle Chronik, kulturelle Grenzüberschreitung. Loomit hat das Wesen von Vergänglichkeit nie gescheut. Wände vergehen, aber der Moment, den sie erzeugen, bleibt. Was einst als Sachbeschädigung galt, ist längst Teil globaler Urban-Art-Bewegungen. In sozialen Brennpunkten weltweit malte er Bilder, die Brücken schlugen, Konflikte sichtbar machten oder einfach nur Hoffnung gaben. „Wer Kultur bringt, wird geschützt“, sagt er über seine Zeit in den Favelas von Rio, wo Drogenbosse ihm Zugang verschafften. Was ihn stets trieb, war das Leben auf der Straße: improvisiert, direkt, voller Geschichten. Heute lebt Loomit auf dem Land, unterrichtet Jugendliche und reflektiert den digitalen Wandel kritisch. Die heutige Bilderflut empfindet er als entkoppelt von Raum und sozialer Erfahrung. „Früher hatte jede Stadt ihren eigenen Stil. Heute sehen die Graffitis überall gleich aus.“ Was bleibt, ist seine Haltung: klar, wach, unbequem. Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com

  20. Melanie Pignitter über Selbstfindung, Verletzlichkeit und innere Stärke
    30.08., 09:3500:47:50

    Wiedersehen mit dem Ich Warum fällt es uns so schwer, Grenzen zu setzen? Warum sagen wir so oft Ja, obwohl wir Nein meinen – und verlieren uns selbst im Versuch, es allen recht zu machen? Die Autorin und diplomierte psychologische Beraterin Melanie Pignitter spricht davon, dass viele Menschen fälschlicherweise glauben, ihr Charakter sei verantwortlich für ihr Verhalten. Dabei sei es in Wahrheit oft das Ergebnis tiefer Prägungen: „Ich bin halt so“ ist meist kein Wesenszug, sondern ein Schutzmechanismus aus der Kindheit. Wer nie gelernt hat, Zuneigung ohne Leistung zu bekommen, lebt oft im Dauerlauf nach Anerkennung – bis zur Erschöpfung. In einer Welt voller Erwartungen und sozialer Fassaden scheint Echtheit zur Ausnahme geworden zu sein. Dabei beginnt echte Verbindung genau dort, wo wir uns zeigen, wie wir sind: mit Zweifeln, Ängsten, Unzulänglichkeiten. „Wenn ich mich nackt zeige, macht das auch mein Gegenüber – und nur dann entsteht echte Verbindung“, sagt Pignitter. In Freundschaften, in Beziehungen, auch in der Öffentlichkeit. Die Angst vor Liebesentzug sei tief verwurzelt, aber genau deshalb brauche es die Erfahrung, dass nichts Schlimmes passiert, wenn man auch einmal Nein sagt. Im Gegenteil: Oft wächst der Respekt – und der Selbstwert gleich mit. In ihrem Buch „Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pizza und Aperol“ erzählt Melanie Pignitter die Geschichte von Eva, die nach Trennung und Jobverlust mit einem alten VW-Bus aufbricht – und sich dabei selbst begegnet. Es ist ein erzählter Roman, zugleich aber auch ein Selbsthilfebuch, das den Mut feiert, sich von alten Mustern zu lösen. Und es ist eine Einladung, genau hinzusehen: auf das, was uns geprägt hat, was uns bremst – und was wir ablegen dürfen, um zu der Person zu werden, die wir längst sind. Alle Informationen zum 48forward Festival gibt es unter: https://festival.48forward.com Folgt uns bei Instagram: https://instagram.com/ginandtalk Mehr Podcasts gibt es auf: https://48forward.com Fotoquelle: Joanna Jakubik

Zwei Menschen, eiskalte, perfekt gemixte Drinks und eine Menge Zeit für inspirierende Bargespräche: Mach es Dir an unserem Tresen gemütlich und lerne interessante Menschen mit unterschiedlichsten Passionen, Professionen und Geschichten kennen! Mehr Podcasts und Inhalte gibt es unter: https://48forward.com Moderation: Daniel Fürg Produktion: The 48forward Studios (https://48forward-studios.com)