
Florian Illies über Alchemie, Träume und das Vergessen
Beschreibung der Episode
Auf der Pfaueninsel steht ein Gedenkstein, an dem die meisten Besucher achtlos vorbeigehen. Johannes Kunckel heißt der Mann, an den er erinnert: ein Alchemist, der dem Großen Kurfürsten Gold versprach und dafür 1685 eine ganze Insel geschenkt bekam. Gold hat er nie gemacht. Stattdessen entstieg seinen Öfen ein Glas, rot wie ein Rubin, das binnen kurzem zum begehrtesten Luxusgut Europas wurde. Dabei war Kunckel alles andere als der versponnene Magier, als der er sich inszenierte. "Ich glaube, er hat den Alchemisten ein wenig gespielt, um die Fürsten zu überzeugen", sagt Florian Illies, der ihm sein neues Buch "Träume aus Feuer" gewidmet hat. "Er selbst begriff sich ganz offensichtlich längst als Naturwissenschaftler." Zugleich war er Unternehmer durch und durch, baute auf der Insel aus dem Nichts eine Manufaktur auf und lieferte am Ende, auf verschlungenem Weg, sogar das versprochene Gold: Sein Rubinglas wurde an den Höfen Europas verkauft und in Afrika gegen Gold getauscht.
Man kann diese Geschichte als frühneuzeitliche Startup-Erzählung lesen, doch an einer entscheidenden Stelle bricht die Analogie zur Gegenwart. "Ich weiß nicht, ob die Venture-Capital-Fonds sich in einer Rolle als Gönner begreifen", sagt Illies. "Sie würden auch nicht, wie es der Kurfürst getan hat, einem kleinen Startup eine Insel schenken." Der Gönner alten Typs finanzierte keinen Business Case, er finanzierte einen Traum. Und wie es Träumen oft ergeht: Nach dem Tod des Kurfürsten wurde Kunckel zum Bauernopfer eines höfischen Machtwechsels, man ruinierte ihn und brannte nieder, was er aufgebaut hatte. Hundert Jahre später kannte ihn niemand mehr. Genau darin liegt für Illies der Reiz. Nicht Neugierde treibe ihn an, sondern "Altgierde": die Lust, Vergessenes aus der Vergangenheit zu holen. Der Wiederentdecker, sagt er, müsse eine irre Energie mitbringen, und diese Energie sei ansteckend. Dass die Digitalisierung das Vergessen womöglich abschafft, beunruhigt ihn dabei nicht, denn die Entscheidung, welche Geschichte aus der Datenfülle ein Buch wird, bleibe eine menschliche: "Aus diesem Erfahrungsreichtum, der im eigenen Körper sitzt, wird immer noch etwas anderes kommen als aus einem gekühlten Rechenzentrum."
Ob unsere Gegenwart, in der jede Idee dreimal geprüft wird, bevor jemand sie ausprobieren darf, noch Raum für Figuren wie Kunckel lässt? Illies antwortet darauf mit einer Gelassenheit, die er selbst urromantisch nennt: "Immer gibt es Zeit zum Träumen. Auch jetzt gibt es ganz viel Zeit zum Träumen." Wem heute etwas einfalle, das Kinder zum Träumen bringe oder Menschen Sicherheit verheiße, der werde auch heute Geld dafür finden. Man muss nur, wie damals auf der Pfaueninsel, bereit sein, das Scheitern gleich mitzudenken.
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