Gin And Talk

Wolf Biermann über Panik, Musik und verlorene Feinde

08.10., 15:0300:53:02

Worüber gesprochen wird

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Beschreibung der Episode
Die Ökonomie des Schreiens

In der Bombennacht von Hamburg 1943 war Wolf Biermann sechseinhalb Jahre alt. Im Arbeiterviertel Hammerbrook flogen brennende Dächer „wie Zeitungspapier durch die Luft“, und doch hat sich ihm vor allem ein Detail eingeprägt: „Kein einziges Kind hat geweint.“ Seine Erklärung dafür ist nüchtern. Wer in einem übergroßen Unglück schreie, vergeude Kraft, denn man schreie nur, „wenn man die Chance hat, dass es gehört wird und einem Hilfe zukommt“. Aus dieser Erfahrung hat Biermann eine Haltung gemacht, die er einer nervösen Gegenwart entgegenhält. Dass Jüngere schnell in Panik geraten, überrascht ihn nicht: „Weil es Ihnen nicht schlecht genug geht. Deswegen können Sie sich diese Panik leisten.“

Geprägt hat ihn seine Mutter Emma. Sie hielt den Sohn eines in Auschwitz ermordeten jüdischen Kommunisten am Leben und brachte ihm den Vater jeden Morgen mit einer Süßigkeit im Leiterwagen nahe, angeblich ein Gruß aus dem Zuchthaus. Sie sang ihm Schubert, Arbeiterlieder und plattdeutsche Weisen vor, aus dem Volksempfänger kamen die Nazilieder dazu. „Das war meine Musikuniversität“, sagt Biermann. Die Mutter wollte keinen Dichter, sondern einen Sohn, der die Menschheit rettet. 1953 ging er aus Überzeugung in die DDR und wurde am Berliner Ensemble zum Brechtianer. Zweifel kamen früh, doch er hoffte lange auf einen besseren Sozialismus. Nach der Ausbürgerung 1976 verlor er zunächst die Orientierung. Er habe damals gelernt, „dass es auch schrecklich sein kann, wenn man seine treuen Feinde verliert. Dann ist man auch wie ein politisches Waisenkind.“ Endgültig mit dem Kommunismus brach er erst einige Jahre später, um 1983.

Mit dem Etikett der Legende kann er wenig anfangen: „Wer lebendig lebt wie ich, kann keine Legende sein.“ Kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag sieht er den Zusammenhang zwischen Haltung und Laune klarer denn je. „Wenn ich faul und feige bin, werde ich immer missmutiger.“ Wer sich einmische, dem gehe es besser. Im Gespräch in München griff er einen Gedanken auf, der ihm neu war: dass viele Menschen den Konsum von Nachrichten schon für Engagement halten. Er nannte das „das Krebsgeschwür der Nachrichtenflut“ und kündigte an, darüber in Ruhe nachzudenken, sobald der Besuch gegangen sei.

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