
Beschreibung der Episode
Es gehört zu den Eigenheiten des Frühjahrs 2020, dass man sich ausgerechnet dann nach einem Tresen sehnte, als alle Tresen des Landes verwaist waren. Daniel Fürg, Ende März von einer langen Reise durch die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, besaß allerdings einen, den keine Verordnung erfasste: den im eigenen Studio. An ihm begann im Mai ein Gesprächsformat, das den Gin im Namen trägt – und dessen erster Gast das Thema umgehend abräumte. Der Münchner Barmann Stefan Gabányi hielt vom Hype um den Wacholderschnaps erkennbar wenig: „Man muss jetzt nicht jeden Quatsch mitmachen“, sagte er, und dass jemand für einen halben Liter „Neutralsprit mit Aroma“ vierzig Euro nehme, sei „saufrech“. Damit war die Pointe gesetzt. Knapp zweihundert Gespräche später lässt sich festhalten: Der Gin stand immer auf dem Tresen, gesprochen wurde über alles andere.
Dass Fürg nun, unmittelbar vor der zweihundertsten Folge, allein am Mikrofon sitzt und zurückhört, ist die Besichtigung einer Form, die aus der Zeit gefallen scheint und gerade deshalb gebraucht wird: eine Stunde, zwei Menschen, keine Eile. Die Journalistin Natalie Amiri beschreibt das Gegenmodell – eine Minute dreißig in der „Tagesschau“, in der für das Eigentliche kein Platz bleibe: „Aber dafür ist keine Zeit.“ Pfarrer Rainer Maria Schießler lässt Gott die zerstrittenen Religionen fragen: „Wieso habt ihr nicht miteinander gesprochen? Ihr hattet doch so viel Zeit.“ Wer sie sich nimmt, hört, wie es am Tresen still wird. Charlotte Knobloch erzählt von dem Tag, an dem sie in München den Grundstein für eine neue Synagoge legte: „Jetzt habe ich meine Koffer ausgepackt.“ Eva Umlauf, als Kleinkind nach Auschwitz deportiert, hat auf die Frage nach ihrem Überleben keine Antwort, aber eine Entscheidung: „Ich suche mir das Glück aus.“ Und Lars Amend sitzt wochenlang am Sterbebett seiner Mutter, bittet um ein Gespräch und erhält zwei Worte: „Alles gut.“ Erst eine Krankenschwester berichtet ihm, worauf die Mutter am Ende bestand – auf dem T-Shirt, das er ihr einmal mitgebracht hatte, bedruckt mit dem Wort „dankbar“. „Das war ihre Art zu sagen: Ich liebe dich.“
Heiterkeit auf Bestellung folgt daraus nicht. Wolfgang Thierse, dem die DDR den verordneten Optimismus gründlich ausgetrieben hat, hält sich an Václav Havel: Hoffnung heiße nicht, dass eine Sache gut ausgeht, sondern dass sie in sich vernünftig und richtig ist. Ein Mal allerdings spielt der Gin dann doch die Hauptrolle. Marcel Reif steht bei einem Sundowner in der südafrikanischen Savanne, vor sich Giraffen und Zebras, in der Hand ein Gin Tonic, und ihm kommen die Tränen: Wer um Himmels willen seien wir eigentlich, „die Menschlein, die da rumstehen mit ihrem Sundowner“? Es ist die Frage, um die diese Gespräche seit sechs Jahren kreisen, und vielleicht braucht es zu ihrer Verhandlung tatsächlich einen Tresen – einen Ort, an dem zwei Menschen nichts weiter vorhaben, als Zeit zu haben. Marianne Koch, beim Gespräch 93 Jahre alt, rät den Jüngeren schlicht: „mutig sein“. Der Gin war dabei nie das Thema. Er war der Vorwand.
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