Gin And Talk

Ansa Sauermann über Empörung, Demokratie und die Kunst des Widerspruchs

19.03., 16:0001:05:34
Beschreibung der Episode
Über Spaltung – und die Sehnsucht nach einem Wir

„Geht’s noch“ ist ein Titel ohne Fragezeichen – und genau darin liegt seine Kraft. Für Ansa Sauermann ist er Ausruf und Diagnose zugleich: Ausdruck einer Erschöpfung in Zeiten der Dauerempörung. Sein neues Album ist nicht als politisches Projekt geplant gewesen, sondern „eine logische Konsequenz, eine Notwendigkeit“. Zu viel habe sich angestaut – in Freundschaften, die an politischen Differenzen zerbrechen, in Debatten, die nur noch aus Zuschreibungen bestehen. „Es gibt keine Debattenkultur mehr, keine gesunde mehr. Es gibt nur noch auf die Fresse“, sagt Sauermann. Zugleich warnt er vor Vereinfachungen: Nicht jeder, der anders denke, sei ein Extremist. Entscheidend sei, „im Gespräch zu bleiben“, ohne dabei Grenzen gegenüber menschenfeindlichen Positionen zu verwischen.

Sauermann kritisiert eine Gesellschaft, in der viele glauben, Engagement bestehe im Repost oder im empörten Kommentar. „Es muss nicht jeder immer eine Meinung zu allem haben“, sagt er – und plädiert für Zuhören als politische Tugend. Politik beginne nicht erst bei Wahlen, sondern im Alltag, im konkreten Handeln, im Verlassen der eigenen Bubble. Dass Popmusik sich lange aus gesellschaftlichen Konflikten zurückgezogen habe, sieht er skeptisch. „Kunst war nie unpolitisch. Und Gott bewahre vor dem Tag, wo es das wird.“ Seine Songs wollen dabei nicht belehren, sondern den „Finger in die Wunde legen“ – ohne Zeigefinger, ohne moralische Überhöhung.

Auch in der Produktion suchte Sauermann nach Unmittelbarkeit statt Perfektion. Viele Stücke entstanden zunächst zu Hause, frei von Studiouhr und Erwartungsdruck. „Am Ende gewinnt immer der beste Take gegen die Soundqualität“, sagt er – manchmal blieb genau die raue Demospur auf dem Album. So ist „Geht’s noch“ nicht nur ein Kommentar zur politischen Gegenwart, sondern auch ein ästhetisches Statement: gegen Überproduktion, gegen Überhitzung, gegen das ständige Besserwissen. Im Gespräch über das Album wird deutlich, dass Sauermann weniger Antworten liefern will als Räume öffnen – für Zweifel, für Widerspruch und für die Hoffnung, dass aus Lärm wieder ein Gespräch werden kann.

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