Digital Business Podcast - CFO Show by Matthias Walter ESER

#214 - Andres Schollmeier (mein Steuerberater) über Deals mit dem Finanzamt und wie Betriebsprüfungen wirklich ablaufen

27.09., 03:0001:21:13
Beschreibung der Episode

In der 214. Folge des Digital Business Podcasts begrüßt Matthias Walter Eser einen Gast, der mehr über ihn weiß als fast jeder andere Mensch: seinen eigenen Steuerberater. Andreas Schollmeier wollte eigentlich Medizin studieren – bis er im Zivildienst morgens um halb sechs gemeinsam mit einem Arzt über einem Patienten hing, um ihn zu fixieren, und der Arzt nur sagte: „Überlegen Sie sich das nochmal." Er überlegte, landete bei BWL, schrieb eine 2,0 in Statistik, während 80 Prozent durchfielen – und ein Professor schickte ihn mit dieser Begabung ausgerechnet in die Wirtschaftsprüfung. Mit 28 wurde er zum Steuerberater bestellt, beriet danach in der ETL-Konzernzentrale die Fälle, die kein Steuerberater vor Ort mehr lösen konnte, bis hinauf zum BFH.

2019 kaufte er eine Kanzlei mit vier Mitarbeitern und einer Auszubildenden – heute führt er am Niederrhein ein Team von über 20 Leuten mit eigenem ITler und Viertagewoche. Das Gespräch ist kein Steuer-Fachvortrag, sondern ein seltener Blick hinter die Rüstung des Berufsstands: schlaflose Nächte, ein Business Coach, den seine Frau ihm buchte, und die ehrliche Antwort auf die Frage, wie viel „türkischer Basar" wirklich in einer deutschen Betriebsprüfung steckt.

Was du in dieser Folge lernst:

  • Warum Freiberufler am Unternehmertum scheitern können, obwohl sie fachlich brillant sind: Personalführung, Vertrieb, IT und Prozesse stehen in keinem Steuerberater-Examen. Schollmeiers Wendepunkt war die Frage seines Coaches: „Glaubst du, Jürgen Klopp motiviert seine Mannschaft mit Geld?" Das Ergebnis: Wertschätzung, Feedbackkultur, seit Mitte 2022 die Viertagewoche – und ein Bewerbungseingang, der von allein läuft.
  • Eitelkeit ist das teuerste Steuerrisiko: Finanzämter durchforsten systematisch Social Media. Wer im Video 40.000 EUR Mieteinnahmen aus Dubai erzählt, aber 32.000 EUR erklärt hat, riskiert wegen 8.000 EUR Differenz ein Steuerstrafverfahren – der aktuelle Fall Nils Schlieper zeigt es. Die Lebensweisheit von Schollmeiers früherem Chef: „Die meisten Menschen kriegen Probleme wegen ihrer persönlichen Eitelkeit."
  • „Wenn keiner draufguckt, wird kein Fehler festgestellt": Matthias erzählt von einem befreundeten E-Commerce-Unternehmer, der Buchhaltung, Umsatzsteuervoranmeldungen und Jahresabschluss komplett mit KI erledigt – Begründung: „Es hat sich ja noch niemand gemeldet." Schollmeiers nüchterne Einordnung: Das Finanzamt nimmt Erklärungen erst einmal hin, die Probleme entstehen Jahre später in der Prüfung. Eine falsche Umsatzsteuervoranmeldung kann bereits den Tatbestand der Steuerhinterziehung erfüllen – und mit Größe und Komplexität steigen Risiko und Beträge.
  • Der „türkische Basar" in der Betriebsprüfung ist real – und bleibt ein Fremdkörper im Rechtsstaat: Gerade in bargeldintensiven Branchen enden Prüfungen regelmäßig in Verhandlungslösungen über Zuschätzungen, wenn die Marge von der Branchenüblichkeit abweicht. Schollmeiers Haltung dazu ist klar: Entweder etwas ist richtig oder falsch – dass zwischen 500.000 und 300.000 EUR Mehrbelastung frei verhandelt wird, widerstrebt ihm zutiefst. Und ein Prüfer, der mit fertigem Bericht zur schnellen Unterschrift anreist, bekommt sie nicht.
  • Welche Prüfungen dich wirklich treffen: Fachkräftemangel bremst die Finanzverwaltung an allen Ecken – die Grundsteuerreform zog 2022 ganze Abteilungen ab, die Bescheide dauern, und KI-gestützte Prüfung ist bereits im Test. Verlassen kann man sich nur auf eines: Wer Personal beschäftigt, bekommt alle vier Jahre die Sozialversicherungsprüfung der Deutschen Rentenversicherung. Dazu kommen je nach Fall Zoll, Lohnsteuer-Außenprüfung und Umsatzsteuersonderprüfung.
  • Beweislast und Dokumentation: Bei steuererhöhenden Tatsachen trägt das Finanzamt die Feststellungslast, es gilt in dubio pro reo – aber wer steuermindernde Tatsachen geltend macht, muss sie belegen können. Und weil die Prüfung oft erst drei bis fünf Jahre später kommt, gilt Schollmeiers einfachste Regel: „Wer schreibt, der bleibt." Der proaktive Berater fordert Gesellschafterbeschlüsse und Nachweise ein, bevor jemand danach fragt – nicht erst, wenn es zu spät ist.

Das Fazit für Unternehmer: Schollmeiers Schlussappell deckt sich mit der These dieses Podcasts – jeder Unternehmer braucht einen Sparringspartner auf der Finanzebene, einen „kleinen CFO", der auf Fehlentwicklungen hinweist und den Rücken freihält. Sich Hilfe zu holen ist keine Schwäche, sondern der Unterschied zwischen der älteren Generation, die am Berater sparte, und einer neuen, die gezielt Kompetenz einkauft. Oder in den Worten von Matthias: Drei Dinge braucht man im Leben – einen guten besten Freund, einen guten Rechtsanwalt und einen guten Steuerberater. Prüfe also ehrlich, wie viel Proaktivität in deiner aktuellen Steuerberater-Beziehung wirklich gelebt wird – „ganz okay" ist auf Dauer nicht gut genug.

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