
Ökonom Stefan Kolev im Interview mit Carsten Korfmacher: „Wenn die Jungen gehen, bricht für die Alten alles zusammen“
Worüber gesprochen wird
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Beschreibung der Episode
Immer mehr Menschen verlassen Deutschland, darunter sehr viele Hochqualifizierte. Im Podcast erklärt der Ökonom Stefan Kolev, warum die Bundesrepublik für junge Menschen unattraktiv geworden ist – und wie sich die Entwicklung umkehren ließe.
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Probieren Sie es einfach aus und lesen Sie die Cicero-Titelgeschichte im Oktober von Michael Sommer: "Ein deutscher Herbst. Deutsche Parteien im Umbruch"
Inhalt Podcast:
03:25 „Dass Menschen in die Schweiz gehen, muss einen nicht erstaunen. Das Land ist, je nachdem, wie man misst, anderthalb- bis doppelt so wohlhabend pro Kopf. Meine Heimat Bulgarien ist etwa halb so wohlhabend. Und dennoch sagt mein Kardiologe in Sofia, ein junger Arzt, der in Deutschland studiert und seinen Facharzt gemacht hat, dass er, sobald er seine erste Gehaltsabrechnung gesehen hat, sich ins Flugzeug gesetzt hat und nach Bulgarien zurück ist. Und das muss uns zu denken geben: Dass Menschen bereit sind, in ein deutlich ärmeres Land zu ziehen, und eben Deutschland, obwohl sie hier studiert haben, nicht attraktiv genug finden, um langfristig ihre Zukunft aufzubauen.“ (Stefan Kolev)
07:09 „Das muss uns zu bedenken geben, dass Menschen, die ihre Region unglaublich lieben, die nicht besonders gut Englisch können, die sich selber auch nicht als besonders mobil bezeichnen würden, dass auch noch solche Menschen inzwischen sehr mit dem Gedanken des Auswanderns eben spielen. Zu ergänzen wäre, aber das können wir vielleicht gleich bei reden, und das ist mir nicht nur um die physische Emigration geht, sondern auch um das, was ich eine innere Emigration nenne. Das heißt, auch wenn der Mensch es vielleicht nicht schafft, aus welchen Gründen auch immer das Land zu verlassen, kann er im Land bleiben, sich dennoch aber aus Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zurückziehen ins Private, sein jegliches Engagement einschränken und so weiter und so fort, Parteien jenseits der Mitte wählen. Und das wäre für die Gesellschaft mindestens genauso schwerwiegend wie der Verlust eines, wie der sichtbare Verlust eines Menschen, der physisch weggegangen ist.“ (Stefan Kolev)
12:38 „Wir leben in der Welt, die auf eine befremdliche Art immer mehr den 20ern und 30ern ähnelt. Also wir haben nationale Ordnungen, die wirtschaftlich, mild ausgedrückt, Schwäche zeigen. Wir haben eine internationale Ordnung, die bröckelt. Was wir noch nicht haben, aber das kann jeden Moment kommen, zumal ganz aktuell, ist eine Finanzkrise. Das heißt, die Berliner Republik hat, um eben die Defekte zu korrigieren, über die wir gerade sprechen, verdammt wenig Zeit. Sie hat entweder Zeit, also wenn wir jetzt sagen, das ist die letzte Regierung der Mitte, hat sie Zeit bis 2029.“ (Stefan Kolev)
15:17 „Das neue am Thema Auswandern (…) ist einfach, dass junge Menschen aktiv bereits in den Generationenvertrag aufzukündigen. Das war früher nicht so. Ich glaube, dass dieser Staat ganz lange aus unterschiedlichen Gründen nicht unbedingt Politik für die jungen Leute gemacht hat, die Pflegeversicherung in den 90er Jahren war ganz sicher nicht im Sinne der jungen Menschen. Dennoch haben die jung Menschen bis jetzt das alles ertragen und mit sich machen lassen und vielleicht gegrollt mit diesem Staat. Aber sie waren bisher nicht bereit zu gehen. Und die Umfragen, von denen es mindestens zehn gibt inzwischen, von ganz unterschiedlichen, auch von ideologisch ganz unterschiedliche Organisationen, diese Umfragen sagen, die jungen Menschen sind bereit, den Generationenvertrag aufzukündigen.“ (Stefan Kolev)
17:15 „Was ist der Sinn hinter den mühsamen Reformen, die wir uns momentan als Gesellschaft zumuten? Wenn wir diese Sinnfrage nicht beantworten, sind die Schmerzen sinnlos. Und sinnlose Schmerzen will niemand. Sinnhafte Schmerzen kann man wollen. Die Aufgabe der Politik, aber auch von jedem von uns, ist es in der Tat, darüber nachzudenken, welche Vision uns über diese schmerzhafte Zeit hinweghilft.“ (Stefan Kolev)