
Adipodcast
#61 Die Spritze zum Schlucken?– ist das die neue Revolution?
04.10., 18:0004.10.2026, 18:0000:40:02
Beschreibung der Episode
Folge #61: Pille statt Pen – ist das die neue Revolution?
Wenige Entwicklungen wurden in der Adipositasmedizin in den vergangenen Jahren so intensiv diskutiert wie die sogenannten „Abnehmspritzen“. Nun erhält die Debatte neue Dynamik:
Der Wirkstoff Semaglutid steht zur Gewichtsregulation auch in Tablettenform zur Verfügung.Doch was verändert sich dadurch tatsächlich?
Handelt es sich um eine völlig neue Therapie – oder vor allem um eine andere Darreichungsform
eines bereits bekannten Wirkstoffs?
In dieser Folge des Adipodcast sprechen Prof. Dr. med. Dr. phil. Marco Büter,
Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Tariq Abu-Naaj erneut mit Prof. Dr. med. Bernd Schultes.
Der Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie leitet das Stoffwechselzentrum St. Gallen und ist Präsident der Swiss Multidisciplinary Obesity Society, kurz SMOB.
Warum „Abnehmspritze“ und „Abnehmtablette“ die falschen Begriffe sindEin zentraler Punkt dieser Folge betrifft die öffentliche Wahrnehmung der modernen Adipositasmedikamente.Die Begriffe „Abnehmspritze“ und „Abnehmtablette“ erwecken den Eindruck einer schnellen, einfachen oder rein kosmetischen Lösung. Sie werden dem tatsächlichen medizinischen Einsatz dieser Arzneimittel nicht gerecht.
Adipositas ist eine chronische Erkrankung. Die medikamentöse Behandlung soll nicht lediglich eine kurzfristige Gewichtsabnahme bewirken, sondern dazu beitragen, ein reduziertes Körpergewicht langfristig zu stabilisieren, gesundheitliche Risiken zu senken und die Lebensqualität zu verbessern.
In vielen Fällen ist deshalb eine langfristige oder dauerhafte Behandlung notwendig.
Wird die Therapie beendet, steigt das Körpergewicht bei einem großen Teil der behandelten Menschen erneut an.Ein bekannter Wirkstoff in einer neuen Dosierung
Semaglutid ist kein neuer Wirkstoff. Als Injektion wird es bereits seit Jahren zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas eingesetzt. Auch eine orale Form ist aus der Diabetestherapie bekannt.Neu ist vor allem die höhere Dosierung der Tablette für die Gewichtsregulation.
Damit unterscheidet sie sich von der bereits länger verfügbaren oralen Semaglutid-Therapie für Menschen mit Typ-2-Diabetes.
Bernd Schultes erklärt, weshalb die Tablette dennoch nicht einfach mit der Injektion gleichgesetzt werden kann. Semaglutid ist ein Peptid und würde normalerweise im Verdauungstrakt weitgehend abgebaut. Eine besondere Formulierung ermöglicht es, dass ein kleiner Teil des Wirkstoffs über die Magenschleimhaut aufgenommen wird.
Weil nur ein geringer Anteil tatsächlich in den Körper gelangt, ist die täglich eingenommene Wirkstoffmenge deutlich höher als bei der wöchentlichen Injektion.
Die Tablette ist nicht automatisch einfacherViele Menschen empfinden eine Tablette zunächst als angenehmer oder unkomplizierter als eine Injektion. Im Alltag kann die korrekte Einnahme jedoch anspruchsvoll sein.Die Tablette muss morgens nüchtern mit einer kleinen Menge Wasser eingenommen werden. Anschließend muss mindestens eine halbe Stunde gewartet werden, bevor gegessen, getrunken oder ein anderes orales Medikament eingenommen wird.Wird diese Routine nicht konsequent eingehalten, kann die Aufnahme des Wirkstoffs beeinträchtigt werden. Die Therapie wirkt dann möglicherweise schwächer oder unzuverlässig.Demgegenüber wird die injizierbare Form nur einmal pro Woche verabreicht. Viele Patientinnen und Patienten stellen nach einer fachgerechten Einweisung fest, dass die Anwendung des Pens deutlich weniger belastend ist als zunächst befürchtet.Ob Tablette oder Injektion besser geeignet ist, hängt deshalb nicht allein von der Angst vor einer Nadel ab. Entscheidend sind die individuelle Lebenssituation, bestehende Routinen, weitere Medikamente und die Fähigkeit, die Einnahmevorgaben langfristig einzuhalten.Wirkung und NebenwirkungenBei korrekter Anwendung kann orales Semaglutid eine klinisch relevante Gewichtsreduktion bewirken. Wie bei den injizierbaren GLP-1-Rezeptoragonisten wird die Dosierung schrittweise gesteigert.
Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Beschwerden des Magen-Darm-Trakts:
Bernd Schultes macht deutlich, dass die Entscheidung für eine Behandlung immer auf einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung beruhen sollte. Eine wirksame Therapie kann gesundheitliche Risiken erheblich reduzieren. Gleichzeitig müssen mögliche Nebenwirkungen ernst genommen und fachlich überwacht werden.Wer benötigt eine medikamentöse Therapie?
Nicht jeder Mensch, der sein Körpergewicht reduzieren möchte, benötigt automatisch ein Medikament.Im Gespräch wird deutlich, wie schwierig die Abgrenzung zwischen medizinischer Indikation, persönlichem Leidensdruck und Lifestyle-Anwendung sein kann. Blutdruck, Stoffwechselsituation, Begleiterkrankungen und kardiovaskuläre Risiken sind wichtige Faktoren – erzählen aber nicht die gesamte Geschichte.Auch eingeschränkte Mobilität, gesellschaftliche Ausgrenzung und ein hoher psychosozialer Leidensdruck können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Deshalb reicht es nicht, ausschließlich auf eine einzelne Zahl oder einen bestimmten BMI zu schauen. Notwendig sind eine umfassende Beratung, realistische Therapieziele und eine gemeinsame Entscheidung von Patientin oder Patient und Behandlungsteam.
Zwischen Off-Label-Therapie und SchwarzmarktIn der Praxis suchen auch Menschen eine Behandlung, die die formalen Zulassungs- oder Erstattungskriterien nicht erfüllen.Eine Anwendung außerhalb der zugelassenen Indikation verlangt eine besonders sorgfältige ärztliche Aufklärung. Dabei müssen die Beweggründe, Erwartungen, möglichen Risiken und die voraussichtliche Dauer der Behandlung offen besprochen werden.Gleichzeitig warnt Bernd Schultes vor Medikamenten aus unkontrollierten Quellen. Wer sich Arzneimittel über den Schwarzmarkt oder unseriöse Onlineangebote beschafft, riskiert gefälschte, falsch dosierte oder verunreinigte Produkte – und bleibt ohne notwendige medizinische Begleitung.Das Gespräch zeigt, wie wichtig es ist, Betroffene nicht vorschnell abzuweisen, sondern ihre Beweggründe ernst zu nehmen und im medizinischen Austausch zu bleiben.Medikament oder Operation?Die gleichen Fragen nach Indikation, Nutzen, Risiken und persönlichem Leidensdruck stellen sich nicht nur bei Medikamenten, sondern auch bei bariatrischen Operationen.Marco Büter und Andreas Thalheimer diskutieren mit Bernd Schultes, weshalb beide Behandlungsformen teilweise sehr unterschiedlich bewertet werden. Während eine medikamentöse Therapie außerhalb klassischer Kriterien mitunter als individuelle Entscheidung akzeptiert wird, gelten bei operativen Verfahren häufig deutlich strengere Grenzen.
Die Folge plädiert dafür, weniger in starren Gegensätzen zu denken. Medikamente und Operationen sind keine konkurrierenden Lager, sondern mögliche Bestandteile einer langfristigen, individuell abgestimmten Adipositastherapie.
Orales Semaglutid nach einer bariatrischen OperationBesonders wichtig ist die Einordnung für Menschen, die nach einer bariatrischen Operation wieder an Gewicht zunehmen oder zunächst nicht ausreichend auf den Eingriff angesprochen haben.Orales Semaglutid wird über die Magenschleimhaut aufgenommen. Nach einem Magenbypass ist die dafür zur Verfügung stehende Fläche stark verändert. Dadurch kann die Aufnahme der Tablette unzuverlässig sein.
Auch nach einer Schlauchmagenoperation können die veränderte Anatomie und die beschleunigte Magenentleerung die Wirkstoffaufnahme beeinflussen. In solchen Situationen erscheint eine injizierbare Therapie häufig verlässlicher.Betroffene sollten deshalb nicht eigenständig zwischen Tablette und Injektion wechseln, sondern sich an ein erfahrenes Adipositaszentrum wenden. Dort kann außerdem geprüft werden, welche Ursachen hinter der Gewichtszunahme stehen und ob neben Medikamenten auch ernährungsmedizinische, psychologische, endoskopische oder operative Möglichkeiten infrage kommen.Neue orale Wirkstoffe in EntwicklungOrales Semaglutid ist nicht die einzige Entwicklung in diesem Bereich. Künftig könnten sogenannte Small Molecules hinzukommen. Diese kleineren Wirkstoffmoleküle sind keine Peptide und müssen deshalb nicht auf dieselbe Weise vor dem Abbau im Verdauungstrakt geschützt werden.Solche Wirkstoffe könnten einfacher einzunehmen sein. Ob sie die gleiche Wirksamkeit wie die derzeit verfügbaren injizierbaren Therapien erreichen, muss jedoch jeweils anhand der Studiendaten beurteilt werden.
In dieser Folge sprechen wir unter anderem darüber:
01:26 – Prof. Dr. med. Bernd Schultes stellt sich vor
02:08 – Was steckt hinter dem aktuellen Hype um die Tablette?
04:51 – Warum wurde Semaglutid ursprünglich gespritzt?
07:16 – Tablette oder Injektion: Was passt zu wem?
09:02 – Weshalb ist die orale Dosis deutlich höher?
11:32 – Die besonderen Vorgaben bei der Einnahme
13:28 – Höhere Semaglutid-Dosierungen und ihre Wirkung
15:54 – Häufige Nebenwirkungen der GLP-1-Therapie
17:16 – Seltene Risiken und offene Fragen
21:27 – Die individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung
25:05 – Medizinische Indikation und psychosozialer Leidensdruck
27:00 – Off-Label-Anwendung, Dauertherapie und Schwarzmarkt
30:32 – Werden Medikamente und Operationen unterschiedlich bewertet?
33:39 – Medikamentöse Therapie nach einer bariatrischen Operation
34:46 – Stigmatisierung, Akzeptanz und Missbrauchspotenzial
38:32 – Fazit und Ausblick
Über unseren GastProf. Dr. med. Bernd Schultes ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin sowie Endokrinologie und Diabetologie. Er leitet das Stoffwechselzentrum St. Gallen und ist Geschäftsführer der friendlyDocs AG.Als Präsident der Swiss Multidisciplinary Obesity Society engagiert er sich für eine wissenschaftlich fundierte, multiprofessionelle und respektvolle Behandlung von Menschen mit Adipositas. Zu seinen besonderen Schwerpunkten gehören Stoffwechselerkrankungen, Diabetes und die konservative sowie medikamentöse Adipositastherapie.Über das Stoffwechselzentrum St. Gallen und friendlyDocsDas Stoffwechselzentrum St. Gallen ist ein interdisziplinäres Kompetenzzentrum für Endokrinologie, Diabetologie, Ernährungsmedizin und Gefäßmedizin. Kinder und Erwachsene mit Stoffwechselerkrankungen werden dort von einem multiprofessionellen Team individuell begleitet.Neben der medizinischen Behandlung legt das Zentrum besonderen Wert auf eine verständliche Beratung, eine langfristige Betreuung und eine Versorgung, bei der sich Patientinnen und Patienten auch menschlich gut aufgehoben fühlen.Weitere Informationen: https://www.friendlydocs.ch
Über ViszeraMedViszeraMed verbindet spezialisierte ambulante Beratung mit der klinischen Versorgung am Spital Männedorf. Die drei Gründer Prof. Dr. med. Dr. phil. Marco Büter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Prof. Dr. med. Ralph Peterli sind auf moderne Viszeralchirurgie mit Schwerpunkten in der Adipositas-, Hernien- und Tumorchirurgie spezialisiert.Weitere Informationen: https://viszeramed.ch
Zu GastProf. Dr. med. Bernd SchultesModerationProf. Dr. med. Dr. phil. Marco Büter
Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer
Tariq Abu-NaajWeiterführende LinksAdipodcast: https://adipodcast.ch
Stoffwechselzentrum St. Gallen: https://www.friendlydocs.ch
Swiss Multidisciplinary Obesity Society: https://www.smob.ch
ViszeraMed: https://viszeramed.ch
Wichtiger Medizinischer HinweisDer Adipodcast dient der Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Die Nennung von Medikamenten, Wirkstoffen oder Dosierungen stellt keine Therapie- oder Einnahmeempfehlung dar. Ob eine medikamentöse Behandlung geeignet ist, muss immer individuell mit qualifizierten Fachpersonen besprochen werden.
Unsere Ressourcen Über unsere Webseite Adipositas-Zuerich.chUnsere Webseite Adipositas Zürich widmet sich ganz der Aufgabe, Dich umfassend über Adipositas zu informieren – eine Erkrankung, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen für Industrienationen eingestuft wird.Unser Ziel ist es, Dir ein tiefes Verständnis für die Ursachen, Folgen und die zahlreichen Therapiemöglichkeiten dieser komplexen Krankheit zu vermitteln.Wir bei Adipositas Zürich sehen es als unsere Mission, sowohl Betroffene als auch medizinisches Fachpersonal durch qualitativ hochwertige Informationen zu unterstützen.Dabei legen wir großen Wert darauf, die Krankheit Adipositas in all ihrer Komplexität darzustellen und Dir den Weg zu wirksamen Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Die Webseite von Adipositas-ZürichAdipositas-Zürich Webseite Der Adipodcast bei Spotify:Adipodcast auf Spotify Der Adipodcast bei Apple Podcast:Adipodcast auf Apple Podcast Diskutiere mit in unserer Facebook Community:Adipositas Zürich auf Facebook Bitte unterstütze unseren Podcast!Wir drei Hosts investieren sehr viel Liebe, Engagement und Zeit in unseren Podcast.Eine kostenlose Möglichkeit, unsere Sendung zu unterstützen, ist, eine Fünf-Sterne-Bewertung und eine Rezension auf Apple Podcasts oder auf Spotify zu hinterlassen. Damit kannst Du uns sagen, was Dir an der Sendung gefällt und anderen helfen, sie auch zu entdecken. So geht es:Auf der Seite unserer Sendung nach unten scrollen, eine Sternebewertung auswählen und auf „Bewerten“ tippen.Deine Rezension wird kurz nach ihrer Veröffentlichung bereitgestellt.Übrigens: Du kannst eine Rezension pro Sendung hinterlassen.Vielen Dank für Deine Unterstützung!
Wenige Entwicklungen wurden in der Adipositasmedizin in den vergangenen Jahren so intensiv diskutiert wie die sogenannten „Abnehmspritzen“. Nun erhält die Debatte neue Dynamik:
Der Wirkstoff Semaglutid steht zur Gewichtsregulation auch in Tablettenform zur Verfügung.Doch was verändert sich dadurch tatsächlich?
Handelt es sich um eine völlig neue Therapie – oder vor allem um eine andere Darreichungsform
eines bereits bekannten Wirkstoffs?
In dieser Folge des Adipodcast sprechen Prof. Dr. med. Dr. phil. Marco Büter,
Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Tariq Abu-Naaj erneut mit Prof. Dr. med. Bernd Schultes.
Der Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie leitet das Stoffwechselzentrum St. Gallen und ist Präsident der Swiss Multidisciplinary Obesity Society, kurz SMOB.
Warum „Abnehmspritze“ und „Abnehmtablette“ die falschen Begriffe sindEin zentraler Punkt dieser Folge betrifft die öffentliche Wahrnehmung der modernen Adipositasmedikamente.Die Begriffe „Abnehmspritze“ und „Abnehmtablette“ erwecken den Eindruck einer schnellen, einfachen oder rein kosmetischen Lösung. Sie werden dem tatsächlichen medizinischen Einsatz dieser Arzneimittel nicht gerecht.
Adipositas ist eine chronische Erkrankung. Die medikamentöse Behandlung soll nicht lediglich eine kurzfristige Gewichtsabnahme bewirken, sondern dazu beitragen, ein reduziertes Körpergewicht langfristig zu stabilisieren, gesundheitliche Risiken zu senken und die Lebensqualität zu verbessern.
In vielen Fällen ist deshalb eine langfristige oder dauerhafte Behandlung notwendig.
Wird die Therapie beendet, steigt das Körpergewicht bei einem großen Teil der behandelten Menschen erneut an.Ein bekannter Wirkstoff in einer neuen Dosierung
Semaglutid ist kein neuer Wirkstoff. Als Injektion wird es bereits seit Jahren zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas eingesetzt. Auch eine orale Form ist aus der Diabetestherapie bekannt.Neu ist vor allem die höhere Dosierung der Tablette für die Gewichtsregulation.
Damit unterscheidet sie sich von der bereits länger verfügbaren oralen Semaglutid-Therapie für Menschen mit Typ-2-Diabetes.
Bernd Schultes erklärt, weshalb die Tablette dennoch nicht einfach mit der Injektion gleichgesetzt werden kann. Semaglutid ist ein Peptid und würde normalerweise im Verdauungstrakt weitgehend abgebaut. Eine besondere Formulierung ermöglicht es, dass ein kleiner Teil des Wirkstoffs über die Magenschleimhaut aufgenommen wird.
Weil nur ein geringer Anteil tatsächlich in den Körper gelangt, ist die täglich eingenommene Wirkstoffmenge deutlich höher als bei der wöchentlichen Injektion.
Die Tablette ist nicht automatisch einfacherViele Menschen empfinden eine Tablette zunächst als angenehmer oder unkomplizierter als eine Injektion. Im Alltag kann die korrekte Einnahme jedoch anspruchsvoll sein.Die Tablette muss morgens nüchtern mit einer kleinen Menge Wasser eingenommen werden. Anschließend muss mindestens eine halbe Stunde gewartet werden, bevor gegessen, getrunken oder ein anderes orales Medikament eingenommen wird.Wird diese Routine nicht konsequent eingehalten, kann die Aufnahme des Wirkstoffs beeinträchtigt werden. Die Therapie wirkt dann möglicherweise schwächer oder unzuverlässig.Demgegenüber wird die injizierbare Form nur einmal pro Woche verabreicht. Viele Patientinnen und Patienten stellen nach einer fachgerechten Einweisung fest, dass die Anwendung des Pens deutlich weniger belastend ist als zunächst befürchtet.Ob Tablette oder Injektion besser geeignet ist, hängt deshalb nicht allein von der Angst vor einer Nadel ab. Entscheidend sind die individuelle Lebenssituation, bestehende Routinen, weitere Medikamente und die Fähigkeit, die Einnahmevorgaben langfristig einzuhalten.Wirkung und NebenwirkungenBei korrekter Anwendung kann orales Semaglutid eine klinisch relevante Gewichtsreduktion bewirken. Wie bei den injizierbaren GLP-1-Rezeptoragonisten wird die Dosierung schrittweise gesteigert.
Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Beschwerden des Magen-Darm-Trakts:
- Übelkeit
- Erbrechen
- Durchfall
- Verstopfung
- Bauchbeschwerden
- eine verlangsamte Magenentleerung
Bernd Schultes macht deutlich, dass die Entscheidung für eine Behandlung immer auf einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung beruhen sollte. Eine wirksame Therapie kann gesundheitliche Risiken erheblich reduzieren. Gleichzeitig müssen mögliche Nebenwirkungen ernst genommen und fachlich überwacht werden.Wer benötigt eine medikamentöse Therapie?
Nicht jeder Mensch, der sein Körpergewicht reduzieren möchte, benötigt automatisch ein Medikament.Im Gespräch wird deutlich, wie schwierig die Abgrenzung zwischen medizinischer Indikation, persönlichem Leidensdruck und Lifestyle-Anwendung sein kann. Blutdruck, Stoffwechselsituation, Begleiterkrankungen und kardiovaskuläre Risiken sind wichtige Faktoren – erzählen aber nicht die gesamte Geschichte.Auch eingeschränkte Mobilität, gesellschaftliche Ausgrenzung und ein hoher psychosozialer Leidensdruck können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Deshalb reicht es nicht, ausschließlich auf eine einzelne Zahl oder einen bestimmten BMI zu schauen. Notwendig sind eine umfassende Beratung, realistische Therapieziele und eine gemeinsame Entscheidung von Patientin oder Patient und Behandlungsteam.
Zwischen Off-Label-Therapie und SchwarzmarktIn der Praxis suchen auch Menschen eine Behandlung, die die formalen Zulassungs- oder Erstattungskriterien nicht erfüllen.Eine Anwendung außerhalb der zugelassenen Indikation verlangt eine besonders sorgfältige ärztliche Aufklärung. Dabei müssen die Beweggründe, Erwartungen, möglichen Risiken und die voraussichtliche Dauer der Behandlung offen besprochen werden.Gleichzeitig warnt Bernd Schultes vor Medikamenten aus unkontrollierten Quellen. Wer sich Arzneimittel über den Schwarzmarkt oder unseriöse Onlineangebote beschafft, riskiert gefälschte, falsch dosierte oder verunreinigte Produkte – und bleibt ohne notwendige medizinische Begleitung.Das Gespräch zeigt, wie wichtig es ist, Betroffene nicht vorschnell abzuweisen, sondern ihre Beweggründe ernst zu nehmen und im medizinischen Austausch zu bleiben.Medikament oder Operation?Die gleichen Fragen nach Indikation, Nutzen, Risiken und persönlichem Leidensdruck stellen sich nicht nur bei Medikamenten, sondern auch bei bariatrischen Operationen.Marco Büter und Andreas Thalheimer diskutieren mit Bernd Schultes, weshalb beide Behandlungsformen teilweise sehr unterschiedlich bewertet werden. Während eine medikamentöse Therapie außerhalb klassischer Kriterien mitunter als individuelle Entscheidung akzeptiert wird, gelten bei operativen Verfahren häufig deutlich strengere Grenzen.
Die Folge plädiert dafür, weniger in starren Gegensätzen zu denken. Medikamente und Operationen sind keine konkurrierenden Lager, sondern mögliche Bestandteile einer langfristigen, individuell abgestimmten Adipositastherapie.
Orales Semaglutid nach einer bariatrischen OperationBesonders wichtig ist die Einordnung für Menschen, die nach einer bariatrischen Operation wieder an Gewicht zunehmen oder zunächst nicht ausreichend auf den Eingriff angesprochen haben.Orales Semaglutid wird über die Magenschleimhaut aufgenommen. Nach einem Magenbypass ist die dafür zur Verfügung stehende Fläche stark verändert. Dadurch kann die Aufnahme der Tablette unzuverlässig sein.
Auch nach einer Schlauchmagenoperation können die veränderte Anatomie und die beschleunigte Magenentleerung die Wirkstoffaufnahme beeinflussen. In solchen Situationen erscheint eine injizierbare Therapie häufig verlässlicher.Betroffene sollten deshalb nicht eigenständig zwischen Tablette und Injektion wechseln, sondern sich an ein erfahrenes Adipositaszentrum wenden. Dort kann außerdem geprüft werden, welche Ursachen hinter der Gewichtszunahme stehen und ob neben Medikamenten auch ernährungsmedizinische, psychologische, endoskopische oder operative Möglichkeiten infrage kommen.Neue orale Wirkstoffe in EntwicklungOrales Semaglutid ist nicht die einzige Entwicklung in diesem Bereich. Künftig könnten sogenannte Small Molecules hinzukommen. Diese kleineren Wirkstoffmoleküle sind keine Peptide und müssen deshalb nicht auf dieselbe Weise vor dem Abbau im Verdauungstrakt geschützt werden.Solche Wirkstoffe könnten einfacher einzunehmen sein. Ob sie die gleiche Wirksamkeit wie die derzeit verfügbaren injizierbaren Therapien erreichen, muss jedoch jeweils anhand der Studiendaten beurteilt werden.
In dieser Folge sprechen wir unter anderem darüber:
- was die neue Semaglutid-Tablette von der Injektion unterscheidet
- weshalb orales Semaglutid kein völlig neuer Wirkstoff ist
- warum die Tablette täglich und nach strengen Vorgaben eingenommen werden muss
- weshalb eine Tablette nicht automatisch komfortabler ist
- welche Wirkung und Nebenwirkungen zu erwarten sind
- wie Ärztinnen und Ärzte Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen
- welche Bedeutung psychosozialer Leidensdruck für eine Therapieentscheidung hat
- wo die Grenze zwischen medizinischer Behandlung und Lifestyle-Anwendung verläuft
- warum unkontrollierte Bezugsquellen besonders gefährlich sind
- weshalb Medikamente und Adipositaschirurgie nicht als Gegensätze betrachtet werden sollten
- warum orales Semaglutid nach einem Magenbypass möglicherweise unzuverlässig wirkt
- und weshalb die Begriffe „Abnehmspritze“ und „Abnehmtablette“ der Therapie nicht gerecht werden
01:26 – Prof. Dr. med. Bernd Schultes stellt sich vor
02:08 – Was steckt hinter dem aktuellen Hype um die Tablette?
04:51 – Warum wurde Semaglutid ursprünglich gespritzt?
07:16 – Tablette oder Injektion: Was passt zu wem?
09:02 – Weshalb ist die orale Dosis deutlich höher?
11:32 – Die besonderen Vorgaben bei der Einnahme
13:28 – Höhere Semaglutid-Dosierungen und ihre Wirkung
15:54 – Häufige Nebenwirkungen der GLP-1-Therapie
17:16 – Seltene Risiken und offene Fragen
21:27 – Die individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung
25:05 – Medizinische Indikation und psychosozialer Leidensdruck
27:00 – Off-Label-Anwendung, Dauertherapie und Schwarzmarkt
30:32 – Werden Medikamente und Operationen unterschiedlich bewertet?
33:39 – Medikamentöse Therapie nach einer bariatrischen Operation
34:46 – Stigmatisierung, Akzeptanz und Missbrauchspotenzial
38:32 – Fazit und Ausblick
Über unseren GastProf. Dr. med. Bernd Schultes ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin sowie Endokrinologie und Diabetologie. Er leitet das Stoffwechselzentrum St. Gallen und ist Geschäftsführer der friendlyDocs AG.Als Präsident der Swiss Multidisciplinary Obesity Society engagiert er sich für eine wissenschaftlich fundierte, multiprofessionelle und respektvolle Behandlung von Menschen mit Adipositas. Zu seinen besonderen Schwerpunkten gehören Stoffwechselerkrankungen, Diabetes und die konservative sowie medikamentöse Adipositastherapie.Über das Stoffwechselzentrum St. Gallen und friendlyDocsDas Stoffwechselzentrum St. Gallen ist ein interdisziplinäres Kompetenzzentrum für Endokrinologie, Diabetologie, Ernährungsmedizin und Gefäßmedizin. Kinder und Erwachsene mit Stoffwechselerkrankungen werden dort von einem multiprofessionellen Team individuell begleitet.Neben der medizinischen Behandlung legt das Zentrum besonderen Wert auf eine verständliche Beratung, eine langfristige Betreuung und eine Versorgung, bei der sich Patientinnen und Patienten auch menschlich gut aufgehoben fühlen.Weitere Informationen: https://www.friendlydocs.ch
Über ViszeraMedViszeraMed verbindet spezialisierte ambulante Beratung mit der klinischen Versorgung am Spital Männedorf. Die drei Gründer Prof. Dr. med. Dr. phil. Marco Büter, Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer und Prof. Dr. med. Ralph Peterli sind auf moderne Viszeralchirurgie mit Schwerpunkten in der Adipositas-, Hernien- und Tumorchirurgie spezialisiert.Weitere Informationen: https://viszeramed.ch
Zu GastProf. Dr. med. Bernd SchultesModerationProf. Dr. med. Dr. phil. Marco Büter
Prof. Dr. med. Andreas Thalheimer
Tariq Abu-NaajWeiterführende LinksAdipodcast: https://adipodcast.ch
Stoffwechselzentrum St. Gallen: https://www.friendlydocs.ch
Swiss Multidisciplinary Obesity Society: https://www.smob.ch
ViszeraMed: https://viszeramed.ch
Wichtiger Medizinischer HinweisDer Adipodcast dient der Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Die Nennung von Medikamenten, Wirkstoffen oder Dosierungen stellt keine Therapie- oder Einnahmeempfehlung dar. Ob eine medikamentöse Behandlung geeignet ist, muss immer individuell mit qualifizierten Fachpersonen besprochen werden.
Unsere Ressourcen Über unsere Webseite Adipositas-Zuerich.chUnsere Webseite Adipositas Zürich widmet sich ganz der Aufgabe, Dich umfassend über Adipositas zu informieren – eine Erkrankung, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen für Industrienationen eingestuft wird.Unser Ziel ist es, Dir ein tiefes Verständnis für die Ursachen, Folgen und die zahlreichen Therapiemöglichkeiten dieser komplexen Krankheit zu vermitteln.Wir bei Adipositas Zürich sehen es als unsere Mission, sowohl Betroffene als auch medizinisches Fachpersonal durch qualitativ hochwertige Informationen zu unterstützen.Dabei legen wir großen Wert darauf, die Krankheit Adipositas in all ihrer Komplexität darzustellen und Dir den Weg zu wirksamen Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Die Webseite von Adipositas-ZürichAdipositas-Zürich Webseite Der Adipodcast bei Spotify:Adipodcast auf Spotify Der Adipodcast bei Apple Podcast:Adipodcast auf Apple Podcast Diskutiere mit in unserer Facebook Community:Adipositas Zürich auf Facebook Bitte unterstütze unseren Podcast!Wir drei Hosts investieren sehr viel Liebe, Engagement und Zeit in unseren Podcast.Eine kostenlose Möglichkeit, unsere Sendung zu unterstützen, ist, eine Fünf-Sterne-Bewertung und eine Rezension auf Apple Podcasts oder auf Spotify zu hinterlassen. Damit kannst Du uns sagen, was Dir an der Sendung gefällt und anderen helfen, sie auch zu entdecken. So geht es:Auf der Seite unserer Sendung nach unten scrollen, eine Sternebewertung auswählen und auf „Bewerten“ tippen.Deine Rezension wird kurz nach ihrer Veröffentlichung bereitgestellt.Übrigens: Du kannst eine Rezension pro Sendung hinterlassen.Vielen Dank für Deine Unterstützung!